Vernunft 1

Persönlicher Jahresrückblick 2016 – Henrik Jungaberle

Kritik und Zukunft der psychedelischen Bewegung (2016): der Initiativkreis „Stiftungsgründung“ in Berlin

„Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte,
bemüht sich um Dunkelheit.“
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Ich bin aus verschiedenen Gründen davon überzeugt, dass Psychedelika und Entaktogene eine positive Rolle in Medizin, Psychotherapie und globaler Kultur spielen können. Sie haben es bereits getan und es gibt inzwischen eine ernstzunehmende Wissenschaft [1], die diesen Optimismus unterfüttert. Diese Substanzen können vor allem bei unsachgemäßem Gebrauch aber auch negative Effekte produzieren. Deshalb kann es keine psychedelische Medizin geben, die „negative Wirkungen“ nicht thematisiert und eine Ethik der Anwendung formuliert. Das ist übrigens bei den Opiaten nicht anders. Einen Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ habe ich im Herbst 2016 in Berlin ins Leben gerufen.

Die entheoscience als aktuelles Forum in der deutschsprachigen „psychedelischen Szene“

Die entheoscience ist ein Konferenzformat, das von Joe Schraube entwickelt wurde und mit einem kleinen Team Freiwilliger organisiert wird. Auf der diesjährigen Berliner Tagung mit dem Motto „Let’s talk about Psychedelics“ trafen sich vom 3.-4. September 2016 mehr als 300 Teilnehmer. Deren Hintergründe reichten von wissenschaftlich interessierten Studierenden und Forschern, über Therapeuten, spirituell Interessierten und Psychonauten bis hin zu politischen Aktivisten aus der Party- und Drogenpolitikszene.

In meinem Beitrag spreche ich über interne Konflikte oder Herausforderungen der „psychedelischen Szene“ (die ich auch genauer beschreibe, hier der LINK zu meinen Vortragsfolien).
Und ich argumentiere, dass es besondere Bedingungen in den deutschsprachigen Ländern gibt, die eine zielführende Organisation der psychedelischen „Szene“ bisher verhindert haben. Warum gibt es kein „deutschsprachiges MAPS“? Wie kam es, dass das die früher hier aktive Organisation „Europäische Collegium für Bewusstseinsstudien (ECBS)“ Anfang der 2000er einfach von der Bildfläche verschwunden ist?
2016-09-04-kritik-und-zukunft-der-psychedelischen-bewegung-henrik-jungaberle-entheoscience_seite_16Dazu gehört auch (aber nicht nur) der teilweise lähmende Einfluss einer Gruppe um den Schweizerer Psychotherapeuten Samuel Widmer. Wichtiger aber sind kulturelle Ideen, in der Psychedelika-Szene, wie die Verwechslung von Erfahrung und Erkenntnis sowie ein häufig naives, in Schubladen-Denken verharrendes Verständnis von Wissenschaft. Das führt dann zu fruchtlosen Gegenüberstellungen wie „Spiritualität versus Wissenschaft“. Oder es herrscht Sprachlosigkeit oder elitäre Arroganz bezüglich der möglichen negativen Nebenwirkungen von Psychedelika und Entaktogenen vor. Diese sind einfach Realität, gleichgültig, welche Rolle hier die Illegalisierung dieser Substanzen spielen mag.

 

ABSCHLUSSPODIUM auf der entheoscience 2016

„Alles, was in die Tiefe geht, ist klar bis zur Durchsichtigkeit.“
Leo Tolstoi, Tagebücher, 1899

Direkt im Anschluss an meinen Beitrag fand das Abschlusspodium der Tagung statt, in dem die von mir angesprochenen Konflikte deutlich hervortreten. Ich spreche sie teilweise selbst aus. Meine Haltung ist klar: ohne zu benennen, was die psychedelisch Interessierten trennt und welche Illusionen hier vorherrschen, lässt sich kaum ein positiver Schritt in Richtung Selbstorganisation und Zusammenarbeit gehen. Hier die Podiumsdiskussion auf der entheoscience:

Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ in Berlin

Mein eigener Beitrag schließt mit dem Vorschlag zu fünf Initiativen, die aus der „psychedelischen Bewegung“ heraus zu starten sind, um mittelfristig die Illegalisierung dieser Substanzen zu überwinden, therapeutische Effekte seriös nachzuweisen und die (in Public Health Perspektive [2], [3] vergleichsweise geringen, aber eben vorhandenen) negativen Effekte dieser Substanzen zu minimieren. Dazu gehören:

  • eine (regelmäßige) wissenschaftliche Konferenz zu Fragen und Studien mit Psychedelischen Substanzen, die von Grundlagenwissenschaft über Therapieforschung [4], Fragen der Drogenregulation bis zur Kulturwissenschaft reichen kann
  • eine (regelmäßige) Konferenz zur psychedelischen Kultur, deren Ausgangspunkt durchaus die entheoscience sein könnte
  • Prävention/Harm Reduction auf dem Feld des experimentellen und regenerationalen Gebrauch dieser Substanzen
  • Koordinierte Öffentlichkeitsarbeit, um der verbreiteten „Ahnungslosigkeit“ in allen Bevölkerungsschichten gegenüberzutreten
  • eine Organisation, die all dies gestalten und fördern kann – durch Sammeln von Spenden, Teilnahme an Forschungsförderung und der Vergabe von Stipendien und Projektfördermitteln

Ich habe in diesem Herbst einen Initiativkreis „Stiftungsgründung“ ins Leben gerufen, der im November 2016 in Berlin das Gründungskonzept diskutieren und verabschieden wird. Wem die oben genannten Punkt am Herzen liegen, wer forschen möchte oder eine positive Rolle der Psychedelika in der Gesellschaft unterstützen will, ist eingeladen, sich entweder am Initiativkreis selbst oder dem angegliederten Unterstützerkreis zu beteiligen.
Die Organisation wird bilingual Deutsch und Englisch sein und schließt Interessenten aus den deutschsprachigen und weiteren europäischen Ländern ein.

StiftungsgründungKontakt zum Initiativkreis und Information: Link. Ich werde weiter über den Fortgang der noch jungen Initiative berichten.

 


Referenzen

[1] Sessa, B. (2015). Turn on and tune in to evidence-based psychedelic research. The Lancet Psychiatry, 2(1), 10–12.

[2] Krebs, T. S., & Johansen, P.-Ø. (2013). Psychedelics and mental health: a population study. PloS One, 8(8), e63972. http://doi.org/10.1371/journal.pone.0063972

[3] van Amsterdam, J., Nutt, D., Phillips, L., van den Brink, W., Amsterdam, J. Van, Nutt, D., & Phillips, L. (2015). European rating of drug harms. Journal of Psychopharmacology (Oxford, England), 1–6. http://doi.org/10.1177/0269881115581980

[4] Jungaberle, H., Gasser, P., Weinhold, J., & Verres, R. (2008). Therapie mit psychoaktiven Substanzen : Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA (1. Aufl.). Edited Book, Bern: Huber.

https://www.amazon.de/Henrik-Jungaberle/e/B00IO4T17C/ref=sr_tc_2_0?qid=1473535331&sr=8-2-ent

 

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Gefangen im LSD-Rausch? Von wegen RTL

Der Jenke-Kater: Was passiert, wenn man Drogen vor der Kamera nimmt (RTL-Blogpost 2/3)

Jenke von Willmsdorfs Drogen-Sendung: mehr wirr als erhellend

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“

Herbert Achternbusch (*1938), dt. Filmemacher und Schriftsteller

Am Mo, den 05.09.2016 um 21.15 Uhr hat RTL die Folge „Das Jenke Experiment: Drogen“ erstmals ausgestrahlt. Der Fernsehjournalist Jenke von Wilmsdorff wird von der Kamera dabei begleitet, wie er verschiedene psychoaktive Substanzen zu sich nimmt (Ecstasy/in Wirklichkeit wohl MDAI, Ritalin, KO-Tropfen mit einem Benzodiazepin-ähnlichen Wirkstoff und LSD). Ich begleitete in der Sendung Jenkes LSD-Experiment gemeinsam mit Prof. Volker Auwärter als Trip-Sitter. Zusätzlich durchläuft der Schauspieler und Reporter ein drogenfreies Atem-Experiment unter Leitung von Andrea Zeuch und mir selbst. Ziel seiner Experimente ist es (neben der Quote), gesellschaftliche Reizthemen zu enttabuisieren und zu einer unvoreingenommenen Diskussion beizutragen. Ich persönlich glaube allerdings, dass die Sendung weit unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Da wäre viel mehr drin gewesen: mit Jenkes herausragender Fähigkeit sich auf die unterschiedlichsten Personen und Themen einzulassen und diese „von innen“ zu erkunden, hätte es gelingen können, unter der Oberfläche zu kratzen. Ich berichte hier ein wenig von meinem persönlichen Jenke-Kater.

LSD Info ganz High sein Henrik Jungaberle Jörg Böckem

LSD Infoblatt aus „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle (2015)

Die Sendung „Das Jenke Experiment: Drogen“ ist als Ganzes leider weitgehend schief gegangen. Das haben Experimente manchmal so an sich. Schiefgegangen sind aber nicht unbedingt die (allerdings viel zu zahlreichen) Einzel-Experimente, sondern deren journalistische Verarbeitung. Der Schnitt bringt Unvereinbares zusammen und tilgt Wichtiges. Und die Zusammenhänge des Gezeigten gingen oft verloren oder wurden gar nicht erst gesucht.
Ich glaube an den Wert des Selbstexperiments. In Wissenschaft und auch im Journalismus. Jenke von Wilmsdorff selbst hat hier schon Ansehliches geleistet, auch in seinen Alkohol- und Cannabis-Experimenten. Ein Experiment gelingt aber nicht in der nackten, unvorbereiteten Erfahrung, sondern im Aufbau, in der Reflexion, in der Darstellung. Es braucht einen Plan. Es fehlt in der „Drogen“-Sendung ein Bogen, ein roter Faden, mit dem das komplexe Thema verständlich wird. Der Erkenntnisgewinn bleibt deshalb tatsächlich  gering.
Was wir gestern gesehen haben war eine teils wirre Aneinanderreihung emotionalisierender Szenen. Es ging vorgeblich um „harte“ Drogen, aber die Sendung war journalistisch weichgesspült und verlief sich im Ganzen dann ins Unkritische:

  • arm an Fakten (wir erfahren nichts über die Relevanz der angeblichen „Alltagsdrogen“, keine Statistik, keine Vergleiche, am Ende die fast aussagelose Zahl der Drogentoten – nicht einmal in Relation zu Alkohol, Cannabis, Autofahren oder Gleitschirmfliegen gesetzt. Oder zu den 2000-4000 Aspirintoten jährlich)
  • mit Fehldarstellungen. Beispiel: das angebliche Ecstasy-Experiment war ja laut der im Fernsehen hörbaren Aussage des Toxikologen Prof. Dr. Auswärter nicht MDMA (der eigentliche Wirkstoff von „Ecstasy“), sondern MDAI. Das ist vor allem deshalb relevant, weil die genannte Dosis von 250 mg für einen MDMA-Trip bereits hoch bis sehr hoch wäre. Solche Fehler gibt es einige.
  • zusammenhanglos: Was in Jenkes Cannabis-Experiment noch ein hin- und herspringen zwischen Gebrauchskontexten und politischen Aussagen, zwischen rekreationalen Usern und Abhängigen war, wird in der Drogen-Sendung zum labyrinthischen Herumspazieren in der Welt der Drogen. Wie kommen wir vom LSD-Experiment zu den KO-Tropfen? Wohl nur über die Logik der abschreckenden Assoziation.
  • klischeehaft: dass es Sucht gibt, dass sie ernst zu nehmen ist, dass man von Drogen sterben kann, dass andere daran leiden (auch Babys). Ja, das wussten wir. Und es muss auch immer wieder gesagt werden. Aber am besten so, dass wir mehr als einen Quoten-Effekt erreichen. Wir müssen ja etwas mit den Informationen machen (können): Politik verbessern, Therapie optimieren, mit unseren Kindern reden, für Prävention eintreten und auch die Konsumierenden respektvoll unterstützen, damit sie keine Patienten werden. Da reicht der Voyeurismus nicht. Und wir sollten die Jugendbeauftragten der TV-Sender mit Fakten aufklären können, so dass sie von der Idee abkommen, möglichst viel Drogen-Drama, Drogen-Tod und Sucht würde optimal viele Menschen abschrecken. Dem ist nicht so. Dazu gibt es sogar Wissenschaft.
  • pauschalisierend: was kritischer Drogen-Journalismus leisten muss: differenzieren zwischen Substanzen, Motiven, Kontexten und Gebrauchsmustern, dem Einfluss von Politik und Medien, den Verzerrungen der einzelnen Drogen-Konsumenten und ihrer „Szenen“: „Nicht die Droge ist’s, der Mensch“ lautet ein Schlagwort. Hier wurden allerdings wieder die unterschiedlichsten Substanzen zu einer diffusen Masse zusammengerüht: „die Drogen“. Eine Kindergeschichte wurde uns erzählt. Ja, Jenke: leider „so ein Psycho-Scheiß“.

Ich kannte die Sendung „Das Jenke Experiment“ bis vor Kurzem nicht. Als Jenke von Wilmsdorfs Redaktion im letzten Dezember nachfragt, ob ich willens und in der Lage sei, Jenke bei einer LSD-Erfahrung zu begleiten, habe ich gründlich überlegt. „RTL ist nicht ARTE“ sagten Kollegen (aha!) und: „Das wird eine geistlose Selbstinszenierung“ (fand ich bisher nicht) oder „Experimente genügen nicht als journalistisches Konzept, das wird flach und klischeehaft“ (Experimente genügen nicht, ja) meinten andere. Wenn ich das Ergebnis nun betrachte herrscht bei mir selbst Kater-Stimmung vor. Jenke von Willmsdorf ist ein empathischer und kluger Journalists, ein interessanter Mensch und mutig obendrein. Hier fehlte es aber an Substanz und Fokus.

Interessanterweise ist die Darstellung der Experimente auf den RTL-Websites ausgewogener als im Zusammenhang der Sendung. Hier werden auch Ausschnitte präsentiert, die es nicht mehr in die Sendung schaffen durften: zum Beispiel ein Interview mit dem Kopf der portugiesischen Drogenpolitik, Dr. Joao Goulao. Hier blitzt auf, was in der Sendung zu kurz kommt: Schlussfolgerung, Vergleich, Alternativen, eine Idee, wie wir die Welt durch Politik und Wissenschaft und Teilnahme verbessern könnten.
Auch das LSD-Experiment (hier noch ein weiterer Link) wirkt anders, wenn man nicht in den Verschleierungszusammenhang von KO-Tropfen und Heroin-Therapie stellt (und umgekehrt teilweise auch). Der ist natürlich bewusst gewählt – es darf ja nicht gut sein.
Und unser Atem-Experiment  (hier noch ein weiterer Link) mit Jenke macht ja fast Sinn, wenn man die Begriffe Trance und „High sein ohne Drogen“ in einen Kontext stellt: Was suchen Menschen, wenn sie ihr Bewusstsein verändern möchten? Könnten solche Methoden, wie wir sie hier anwenden, unterstützen beim Umgang mit diesem Bedürfnis nach „Rausch“ und einer Suche nach Selbsterkenntnis, die es eben auch gibt? Ja, sie könnten es.

War Jenke von Wilmsdorff in einem LSD-Rausch gefangen? Nun.

RTL Jenke im LSD Rausch gefangenDie Redaktion war über die Pressereaktionen auf „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ (2015 zusammen mit dem Journalisten Jörg Böckem) und unser Buch „Therapie mit Psychoaktiven Substanzen“ (2008) auf mich aufmersam geworden – letzteres hatte ich noch innerhalb eines Forschungsprojekts an der Universität Heidelberg auf den Weg gebracht. Nachdem ich mir dann „Das Jenke Experiment: Cannabis“ angesehen habe, dachte ich: „ja, hier gibt es die Chance über das Thema „Drogen“ aus verschiedenen Blickwinkeln zu berichten“. Genau das war ja in der Cannabis-Sendung gelungen. In diesem Fall muss man allerdings sagen: als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Nur die Quote stimmte schon: 24%. Das erreichen sonst nur Champions-League-Spiele.

Drug harms

Rangliste der Gefährlichkeit von psychoaktiven Substanzen in „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ [nach von van Amsterdam und David Nutt 2015)[2,5]

Jenke stellt sich der als besonders aggressiv geltenden Droge„? Nun, LSD gilt nicht als besonders aggressiv. Dessen Gefahren für die öffentliche Gesundheit sind als vergleichsweise gering einzuschätzen – vor allem in Kontrastierung zu Methamphetamin oder Heroin. Vergleichsweise: das ist ein Fremdwort in der Jenke-Folge über Drogen. Aber nur im Vergleich manchen Risiken Sinn bzw. machen Menschen aus Risiken Sinn. Für den Einzelfall gilt nach wie vor, was ich auch in der Sendung sage: die Folgen eines „Unfalls“ und einer misslungenen Erfahrung können dramatisch sein.

In einer Meta-Studie stellen Teri S. Krebs und Pål-Ørjan Johansen [3] dar, dass es in einer Stichprobe von 21,967 Erwachsenen keine signifikante Verbindung des Gebrauchs von LSD, Meskalin, Peyote, Psilocybin-Pilzen mit „Mental Health-Outcomes“, also psychischen Beeinträchtigungen auf der Bevölkerungsebene gab. Wie alles in der Wissenschaft ist das kein letztes Wort, aber ein gewichtiges, das zur Differenzierung beitragen kann. Auch RTL kann es schaffen, die Gefährlichkeit von Drogen in eine Relation zu setzen – man muss es nur wollen. Und verstehen. Dazu auch die vieldiskutierte Arbeit von David Nutt (siehe Grafik, [2,5]).

Was beim LSD-Experiment wirklich geschah

Ein paar Informationen aus zweiter Hand, die helfen, das Bild des LSD-Experiments zu vertiefen: Jenke nimmt für sein etwa 10stündiges Experiment 200 µg der Substanz Lysersäurediäthylamid (LSD) ein. Er erlebt eine intensive innere Reise mit vorherrschendem Introspektionscharakter. Jenkes LSD-Erfahrung ist weit von einem „Horror-Trip“ entfernt, der nach Jenkes eigenem Voice Over aus der Sendung angeblich drohte. Die zwei emotional schwierigsten Momente aus der Erfahrung, die in der Sendung gezeigt wurden, dauerten einmal zwei Minuten (die Verkennung meiner eigenen Person als sein Sohn wie er in einigen Jahren sein würde) und im Fall von Jenkes Paranoia auf unserem Spaziergang etwa fünf Minuten. Beides war durch das einfache Instrument menschlicher Anteilnahme und Reorientierung auf den Moment gut lösbar – was im Übrigen nicht nur Profis wie Volker Auwärter und ich schaffen, sondern auch gut informierte „Laien“.
In Kontrast zu dem MDAI/“Ecstasy“-Experiment haben wir für Jenke ein Setting gestaltet, das Innenschau und Beobachtung der „psychedelischen“ Phänomene erleichtert. Es sollte nicht noch einmal um Party, viele Menschen und Tanzen gehen, sondern um eine … Reise, ja, Jenke sagt es selbst am Anfang des gesendeten Ausschnitts. Meine eigene Intention war es, diese andere Dimension des Drogengebrauchs, vor allem des Psychedelika-Gebrauchs, für die Sendung zu ergänzen. Das wird weniger deutlich als ich es mir wünsche. Und die in der Sendung weitergeführte Umdeutung von LSD zu einer „Monsterdroge“ hat mit der Anti-LSD-Propaganda der 1960er-Jahre begonnen und sitzt in den Köpfen von Journalisten noch immer fest.

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Tatsächlich drehten sich Jenkes Erfahrungen weitestgehend um ästhetische Eindrücke, Einsichten und philosophische Fragen, die kaum Platz in der Sendung fanden. Hier Ausschnitte In meinen Worten aus Notizen und Gedächtnis wiedergegeben:

  • „muss das Leben immer so weitergehen, kann es nicht einfach einmal gut sein?“
  • „muss man alles immer steuern, kann es nicht einfach geschehen?“
  • „die Dinge hängen alle auf eine Art zusammen, die uns sonst verborgen ist“
  • „die Natur ist auf wunderbare Weise miteinander vernetzt“
  • „diese Musik ist gewaltig und komplex, so etwas habe ich noch nie in dieser Art wahrgenommen“

In jedem anderen Setting würde ich das nicht erzählen, aber wir haben ja für die Kamera gedreht.
Und wir Begleiter haben nicht mehr oder weniger getan als die „Alt-Vorderen“ [Nachzulsen in: 4] des verantwortungsvollen Umgangs mit psychedelischen Substanzen seit 60 Jahren empfehlen: wir haben ein bewältigbares Setting gestaltet, Ruhe und Raum für Selbsterkundung und emotionale Katharsis geschaffen. Auch das tun Menschen weltweit – nicht nur in therapeutischen Studien, bei denen LSD dazu eingesetzt wird, die Angst von Sterbenden oder von Menschen zu lindern, die an tödlichen Krankheiten leiden [1]. Nicht nur in bildungsbürgerlichen Schichten.
Ich habe unter anderem Musik von Sigur Rós, Leoš Janáček oder Carbon Based Lifeforms gespielt. Und wir haben Jenkes Aufmerksamkeit ein wenig gelenkt: auf seinen Körper, auf die Bäume, den Himmel, den warmen Boden. Das alles mit dem Ziel, seine Erlebnisfähigkeit zu vertiefen. Klar war auch Jenke auf Bilder für die Sendung aus. Vielleicht hat er auch deshalb seinen Prozess der Innenschau häufig durch erklärendes Reden unterbrochen. Aber auch das hatte Platz:

  • Albernheit und Lachen
  • Euphorie und Wut

Wut bei Jenke habe ich einmal hervorgelockt: er hatte körperliche Schmerzen (von einem Kleidungsstück, wie sich später herausstellte) und ich massierte ihn. Er drückte gegen meine Hände und meinte: „ist das schon alles?“. Ich nahm die „Herausforderung“ an und stellte mich auf seinen Rücken – sanft, so dass er keinen Schaden nehmen würde, aber entschieden. Nach einer Weile, die sowohl Lust als auch Schmerz für ihn beinhaltete, rief er: „Geh runter, du Arschloch“. Ich trat dann nicht nur von seinem Rücken, sondern zog ihn bewusst und aktiv aus dem Liegen in eine sitzende Position (die Momente danach sieht man RTL-Ausschnitt):

  • „in diesem Moment ging das Licht auf, vorher war die Hölle, jetzt fühlte ich mich wie in den Himmel hinaufgezogen“

Es sind diese kleinen metaphorisch-traumhaften Sequenzen, die einen LSD-Trip ausmachen und tatsächlich auch wertvoll für Einsicht und persönliche Entwicklung machen können. Können. Ich hätte mir deren kurzeDarstellung gewünscht. Liebes RTL-Team: es ist möglich, eine Geschichte emotional, packend und mit Tiefe zu erzählen. Im RTL-Schnitt des LSD-Experiments sehen wir weitestgehend die Reduktion auf „Optik“, also visuelle Phänomene und die zwei schwierigen Momente. Man kann den Zuschauern mehr zumuten.

Fazit: Was kommt bei Jenkes Drogen-Sendung eigentlich raus?

HIGH SEIN. Ein Aufklärungsbuch

In eigener Sache: „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ – Henrik Jungaberle mit Jörg Böckem.

In meinem ersten Blogpost zur RTL-Sendung habe ich geschrieben:

„Darf ein Journalist Tabus brechen oder gar Gesetze übertreten, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und aufzuklären? Kommt drauf an. Auf die Dosis an kritischem Potential vor allem.“

Rausgekommen ist bislang eher, was der SPIEGEL-Journalist Arno Frank so beschreibt: „Hier erprobt er am eigenen Leib gesellschaftliche Phänomene, ohne allzu sehr mit deren Ursachen zu langweilen“ (TV-Experiment auf Ecstasy und LSD: Hammerbreit mit RTL von Arno Frank (SPIEGEL ONLINE Kultur).
Das muss nicht so bleiben. Die Sendung kann aufgearbeitet werden. Und lasst uns alle daran lernen: Journalisten müssen sich auch durch Lektüre vorbereiten, dürfen nicht nur im Gespräch mit Experten (Suchttherapeuten, Toxikologen, Drogenforschern usw.) Informationsschnipsel aufsaugen, die auf ihre Effekt-Fähigkeit hin überprüft und dann zu einem Bildfluss zusammengebaut werden. Klar wußte ich, dass im Schnitt erst die Sendung entsteht, im Zusammensetzen der Bilder und Töne.
Fazit: Diese Sendung war nicht umsonst, aber sie lehrt uns, dass wir mit dem schwierigen Thema Drogen vor allem eines tun sollten: nüchtern bleiben und das Vordergründige von Gesprächen und Aktionen nicht mit der „Realität“ verwechseln. Auch bei dem Versuch, etwas einfach darzustellen, gilt es, die Zusammenhänge herstellen. Beispiel: Welche Rolle spielen eigentlich Drogenpolitik und Schwarzmarkt bei den gezeigten Phänomenen?
Und: Wir brauchen mehr Drogen-Sendungen: vor allem für Journalisten, die lernen wollen, wie man Drogen-Sendungen macht. 19% Quote reicht auch.

Literatur

[1] Gasser P, Holstein D, Michel Y et al (2014) Safety and efficacy of lysergic acid diethylamide-assisted psychotherapy for anxiety associated with life-threatening diseases. J Nerv Ment Dis 202:513–20. doi: 10.1097/NMD.000000000000011

[2] Böckem J, Jungaberle H (2015) High sein. Ein Aufklärungsbuch. Rogner & Bernhard, Berlin

[3] Krebs TS, Johansen P-Ø (2013) Psychedelics and mental health: a population study. PLoS One 8:e63972. doi: 10.1371/journal.pone.0063972

[4] Psychedelic Care Publications (2015) The Manual of Psychedelic Support. A practical Guide to Etablishing and Facilitating Care Services at Music Festivals and Other Events.

[5] van Amsterdam J, Nutt D, Phillips L, van den Brink W (2015) European rating of drug harms. J Psychopharmacol 1–6. doi: 10.1177/0269881115581980

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ZEIT-Online Livestream: „Ecstasy, Cannabis, Alkohol – sollen alle Drogen frei sein?“

In einem ZEIT Online Facebook-Livestream haben Henrik Jungaberle und Sven Stockrahm von der ZEIT Online-Redaktion heute morgen eine Reihe drogenpolitischer Fragen diskutiert:

Hier ist der Stream weiterhin zu sehen: Facebook-Livestream.

– Ist „High sein“ in Ordnung? Wer entscheidet das?
– Sollten „alle Drogen frei sein“? Wie kommt man darauf?
– Warum braucht es einen Wandel in der Drogenpolitik?
– Wie sieht eine andere Drogenpolitik aus, die sich mehr auf Evidenzen, also wissenschaftliche Ergebnisse gründet?
– Wie kann man entscheiden, welche Drogen am (wenigsten) gefährlich sind?
– Wie sieht das mit dem Jugendschutz aus?

.. und vieles mehr.

#‎selfmastery‬ ‪#‎PreventionScience‬ ‪#‎PreventionResearch‬ ‪#‎DrugScience‬ ‪#‎PsychedelicScience‬ ‪#‎HighSein‬ ‪#‎REBOUNDNews‬ ‪#‎integrative‬-use
‪#‎sobriety‬ ‪#‎happylife‬

Zusammenfassung der UNGASS 2016 Ergebnisse (IDPC)

Die Zusammenfassung: Ergebnis und Prozess

Das International Drug Policy Consortium (IDCP) hat eine umfassende Zusammenfassung der Ergebnisse publiziert, die auf der UNGASS 2016 erzielt wurden. Da im Abschlussdokument viele Reformstimmen aus Regierungen und Zivilgesellschaft nicht angemessen gewürdigt wurden, ist auch die Darstellung des Prozesses und der Diskussionen auf der Generalversammlung und vor allem in den Round Tables sehr interessant.

Hier der Link: http://idpc.net/policy-advocacy/the-un-general-assembly-special-session-on-drugs-ungass-2016

Beteiligung der Zivilgesellschaft

Im Vergleich zur UNGASS 1998, die sich ebenfalls dem Thema der internationalen Regulation des Drogenproblems widmete, gab es in diesem Jahr eine viel umfassendere Möglichkeit für die Zivilgesellschaft, sich zu beteiligen. Hier die Zusammenfassung einiger Beiträge von zivilgesellschaftlichen Akteuren, die auf der Website der UNODC veröffentlicht wurde: „UNGASS 2016 -Global Civil Society Survey.Preliminary Results and Report„. Die Autoren sind zwar kritisch zu hinterfragen, das Dokument zeigt aber eine angenehme Neutralität.

Menschenrechte

Obwohl man das Abschlussdokument 2016 als relativ konservativ bewerten kann, gibt es Fortschritte, die das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen darstellen. Dazu gehört die Rolle der Menschenrechte im Umgang mit dem Drogenproblem: Hier ein interessanter Artikel zum Thema: „The human rights ‚win‘ at the UNGASS on drugs that no one is talking about, and how we can use it“ (Rick Lines and Damon Barret)

Hintergrund

“Approximately 11% of people who used illicit drugs worldwide are classed as problematic drug users,” says Commissioner Adeeba Kamarulzaman, MBBS, Professor and Dean, University of Malaya School of Medicine, KL, Malaysia. “But the idea that all drug use is necessarily ‘abuse’ means that immediate and complete abstinence has been seen as the only acceptable approach.
Aus: John-Hopkins-Bloomberg School of Public Health

… und wie immer gibt es gibt viel mehr hierzu zu sagen, aber das ist erst einmal ein Ausgangspunkt. Veränderung braucht wohl Zeit.

Die UNO-Generalversammlung beschäftigt sich mit der internationalen Drogenpolitik

„I believe that drugs have destroyed many lives,
but wrong government policies have destroyed many more.“
Kofi Annan, ehemaliger UN-Generalsekreträr

Der Wind of Change weht noch still, aber er weht. Zum ersten Mal seit 1998 beschäftigt sich die Generalversammlung der UN (UNGASS) mit dem Welt-Drogenproblem. Und zum ersten mal gibt es eine Chance zur substantiellen Veränderung der katastrophalen weltweiten Drogenpolitiken. Nicht, dass die UNGASS in diesem Monat eine Revolution ausrufen wird. Dafür ist dieses Gremium zu sehr an Konsens und diplomatischem Ausgleich orientiert. Aber bereits knapp unter der Oberfläche offizieller Kommuniqués brodelt es gewaltig, vor allem auch in der UNODC, einer Organisation, die jahrzehntelang die Sperrspitze der Betonköpfe der US-amerikanischen Drogenkriegs-Politik war und nun beginnt evidenzbasierte Reformvorschläge zu diskutieren. Vor allem die Einheit im „Krieg gegen die Drogen“ ist zerbröckelt, zu desaströs sind seine Ergebnisse und Nebenwirkungen. Nebenwirkungen wovon? Des Versuchs, ein Gesundheitsproblem vor allem mit den Mitteln des Strafrechts zu lösen.

Die Sondersitzung wird sich in fünf „Round Tables“ vom 19.-21. April 2016 mit den folgenden Aspekten beschäftigen:

  1. Drogen und Gesundheit: Reduktion der Nachfrage, Prävention, Behandlung, Sicherstellung der Verfügbarkeit kontrollierter Substanzen für Behandlung und Forschung
  2. Drogen und Verbrechensbekämpfung (Reduktion des Angebots, Reaktion auf Drogenkriminalität, Geldwäsche und internationale juristische Zusammenarbeit
  3. Querschnittsthemen: Menschenrechte, Jugend, Frauen, Kinder und Gemeinwesen
  4. Querschnittsthemen: Neue Herausforderungen, Bedrohungen und Realitäten bei der Prävention und Reaktion auf das Drogenproblem in Übereinstimmung mit dem Internationalen Recht, darunter die drei UN-Konventionen zur Drogenkontrolle; Stärkung der Prinzipien der gemeinsamen und geteilten Verantwortung und internationalen Kooperation
  5. Alternative Entwicklungen: Regionale und internationale Kooperation in der entwicklungsorientierten, ausgewogenen Drogenkontrollpolitik unter Berücksichtigung von sozioökonomischen Belangen

Es ist natürlich keineswegs das erste Mal in der 55-jährigen Geschichte der UN-Drogenkontrollverträge, dass substanzielle Kritik am Erfolg der Verträge geäußert wurde. Niemals zuvor wurde diese jedoch sowohl von hochrangigen Politiker und Personen des öffentlichen Lebens, als auch von wichtigen – wenn nicht den wichtigsten – medizinischen Expertengremien geteilt und verstärkt.  Dazu gehört die Global Commission on Drug Policy, die neben dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan eine illustre Reihe von Ex-Präsidenten, einem ehemaligen, konservativen US-Außenminister wie George Shultz, Menschenrechtspoltiker wie Luise Arbour, Banker wie John C. Whitehead und Unternehmer wie Richard Branson umfasst. Ist es nur Zufall, dass sich in dieser Runde zwar Schweizer, aber kein hochrangiger Deutscher befindet? Möglicherweise ist das ein Ausdruck des oft beklagenswerten Niveaus, auf dem hierzulande drogenpolitisch diskutiert wird – oft ein Hamsterrad von Moralismen, naiver Gutmenschlerei, Angst vor dem Dämon Droge und falsch verstandener „Härte“ („to-be-hard-on-drugs“ ist eine gebetsmühlenartig wiederholte Forderung amerikanischer Journalisten an deren Präsidentschaftskameraden).
Mit The Lancet hat die wichtigste medizinische Fachzeitschrift deutlich und klar zu einer Reform der internationalen Drogenpoltik aufgerufen. Die Ausgabe 387 vom 02. April 2016 widmet sich den Ergebnissen der Johns Hopkins–Lancet Commission on Drug Policy and Health. Schwer vorzustellen, dass ein seriöser Drogenpolitiker noch um diese Argumente herumkommt (und wie steht es eigentlich  mit der argumentativen Politikfähigkeit der deutschen Staatsanwälte und Richter?). Bereits eine UN-interne Begutachtung der Fortschritte beim Errreichen einer „Drogenfreien Welt“ – so der durch und durch kontraproduktive Titel der letzten UN-Generalversammlung zum Drogenproblem von 1998 – zeigte, dass viele Millionen Menschen mehr als 1998 Heroin, Kokain, Amphetamin-artige Substanzen und Cannabis gebrauchten. Mehr Härte, polizeiliche, juristische und militärische Konsequenz führt nicht zu einer Verminderung des Drogenproblems, geschweige denn zur Reduktion des Konsums (demand).

„This report showed that prohibition as a policy has failed dismally. (…) it is time for
UNGASS to put health at the centre of reassessing and reforming international drug policy“
The Lancet Commission

Die dort zu lesenden Vorschläge gehen alle in Richtung einer Dekriminalisierung von Konsum und Kleinbesitz, Bereitstellung von medizinischen Ressourcen, Abschaffung und Reduzierung des Strafmaßes für Kleinstdelikte im Drogenstrafrecht, das weltweit Millionen von Menschen sinnlos und problemverstärkend in Gefängnisse gebracht hat. Wahrlich ein Menschenrechtsthema – eigentlich: Drama.

Die deutsche Delegation wird auf der UNGASS vermutlich eine mäßigende, an pragmatischer Gesundheitspolitik orientierte Haltung einnehmen – ohne den Mut zu grundsätzlichen Reformvorschlägen im spielverändernden Sinn aufzubringen. Denn dazu müsste wohl eine ernsthafte politische Diskussion in den Parteien und im Deutschen Bundestag stattgefunden haben – was aus wahlkampftaktischen Gründen seit Jahrzehnten vermieden wird. Die Forderung an die Politik (und den Journalismus!) muss also lauten:

  • redet parteiübergreifend auf der Basis von Gesundheitspolitik miteinander
  • nehmt Argumente der Experten wahr
  • reduziert Drogenpolitik nicht auf Moralismen: Alkohol- und Drogenkonsumenten sind keine schlechten Menschen (zumindest nicht deshalb)
  • hört auf vom Ziel einer drogenfreien Welt zu sprechen
  • nehmt die Gesundheit der konsumierenden Bürger genauso ernst wie die der abstinenten Bürger (von denen es kaum welche gibt, denn Alkohol und Zigaretten sind Drogen)
  • nehmt ernst, dass Alkohol eine Droge ist
  • verabschiedet euch von den rein an Angebot (supply) und Nachfrage (demand) orientierten (epidemiologischen) Maßstäben für Drogenpolitik

Letzteres muss erläutert werden: ob der Alkohol- oder Cannabiskonsum 5-Prozentpunkte steigt oder fällt wird für gewöhnlich zum Anlass genommen, um Warn- oder Erfolgsmeldungen durch die Republik zu schrei(b)en. Wie in The Lancet zurecht diskutiert wird, ist die ausschließliche drogenpolitische Orientierung an Angebot und Nachfrage der falsche Weg. Hier baut sich die Politik seit 1961 das Gefängnis, aus dem sie nun ausbrechen muss.

„To meaningfully evaluate illicit drug policies, then, indicators that measure so-called real-world outcomes of relevance to communities need to be prioritised. Fortunately, robust and detailed indicators have been developed to assess a range of impacts of drug policies on community health, safety, development, and human rights.“
Lancet 2016: A call to reprioritise metrics to evaluate illicit drug policy

Hier geht es also um Merkmale wie Hepatitis-C-Infektionen und geringe Kriminalitätsraten – nicht ausschließlich um das ob oder wie viel des Konsums.

Ich freue mich übrigens, dass unsere junge Organisation FINDER, mit Maximilian von Heyden einen Vertreter auf die UNGASS entsendet. Wir sind gespannt auf die Berichte.

Weitere Quellen

  1. UNODC: 10-year review progress towards a drug-free world by UN
  2. LANCET PSYCHIATRY: Mehr über Substanzgebrauch und junge Leute: Editorial Lancet Psychiatry 2016; 3: 187
  3. Lift the Ban! Kofi Annan on Why It’s Time To Legalize Drugs, SPIEGEL ONLINE
  4. LANCET 2016: A call to reprioritise metrics to evaluate illicit drug policy

 

Cannabis-Modellantrag bringt Bewegung in Drogenpolitik

Vor einigen Tagen wurde der Antrag des Berliner Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg, einen Modellversuch zur Regulierung des lokalen Cannabismarktes durchzuführen, abgelehnt. Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat dies in einem Schreiben nun ausführlich und interessant begründet. Neben formalen Gründen für die Ablehung wird hier inhaltlich vor allem genannt: „Der Verkauf von Cannabis zu Genusszwecken ist mit dem Schutzzweck des BtMG nicht vereinbar.“ Eigentlicher Zweck des Antrags war es vor allem, die Durchführung des Jugendschutzes wieder oder besser gewährleisten zu können. Die derzeitige Situation über eine gesetzlich geregelte Prohibition bei faktischer Tolerierung der Konsumpraxis vieler BürgerInnen führt aus Sicht der Kommune zu einer nicht bewältigbaren Situation. So könne beispielsweise der Präventionsauftrag der Kommune nicht erfüllt werden.

Damit befinden wir uns im Kernstück der Debatte um „rekreationalen“ versus „medizinischen Gebrauch“ – und die Frage, was öffentliche Gesundheit eigentlich ist. Auf dieser Unterscheidung zwischen Genuß und medinischem Gebrauch sind die internationalen Verträge zur Kontrolle des Verkehrs von psychotropen Substanzen seit den 1960er Jahren aufgebaut. Es ist gut, dass deren Interpretation und Umsetzung zum ersten Mal seit Jahrzehnten diskutierbar ist. Dafür verantwortlich sind sicher die Veränderungen in den USA und Stimmen, wie die der Global Commission on Drug Policy, allen voran des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan. Es geht in der Drogenpolitik nicht mehr nur um die identitätspolitische Abstrafung des politischen Gegners. Das ist der eigentliche Gewinn des (ersten) Antrags für einen Modellversuch, der bundesweit und international in der Presse diskutiert wurde. Und es geht auch nicht, ohne dass man die Rolle von „rekreationalem Gebrauch“, von Genuß neu definiert. Drogen sind auch „Suchtmittel“, aber sie sind es nicht nur: Lebensmittel, Genußmittel zum Beispiel, bei denen Verbraucherschutz und Qualitätskontrolle eine große Rolle spielen, weil sie Risiken mit sich bringen.

Ohne auf die einzelnen Argumente in diesem konkreten Ablehnungbescheid hier einzugehen, geht es mir hier um Folgendes:

  • Es geht in einer verantwortungsvollen, von einem funktionierenden Staatswesen durchgeführten Drogenpolitik immer um Regulation für alle gesellschaftlichen Gruppen – um die Form von Regulation, unabhängig davon, ob diese einen prohibitionistischen Schwerpunkt hat, gesundheitspolitische oder die zivilgesellschaftlichen Instrumente in den Vordergrund stellt.
    Deshalb ist es falsch, drogenpolitische Alternativen vor allem unter dem Stichpunkt „Liberalisierung“ zu diskutieren. Es geht beispielsweise nicht nur um die Interessen der Konsumierenden (aber auch), sondern eben um einen Ausgleich zwischen den widersprüchlichen Interessen verschiedener sozialer Gruppen: Eltern, Kinder und Jugendliche, Produzenten und Verkäufer, Ärzte, Suchthilfe usw.  Es geht um Ängstliche und Mutige, Risikofreudige und Vulnerable.
    Diesen Ausgleich als Form von öffentlicher Gesundheit zu definieren ist ziemlich schwierig und wird immer zu Widersprüchen führen. Was aber gar nicht geht: auf der Basis von Einzelfällen zu argumentieren. Es wird immer Menschen geben, die mit bestimmten Drogen (aller Art) gar nicht oder sehr gut klar kommen. Das ist gar nicht wichtigste Frage.
  • Man kann deshalb nicht nur auf die Stimmen von Einzelgruppen hören: besorgte Eltern, konsumkompetente Erwachsene, Abhängigkeitskranke usw. sind nicht der einzige Maßstab. Es ist die Aufgabe von Presse, das zu zeigen. Im Umfeld unseres Buches „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ haben wir Autoren erlebt, dass es inzwischen möglich ist, mit vielen Journalisten eine auf Argumenten basierende Diskussion über Drogenpolitik zu führen. Das ist Fortschritt.
    Dieses Buch stellt übrigens auch den Versuch dar eine Sprache zu schaffen, mit der man über gelingenden und misslingenden Umgang mit Drogen wie Alkohol, Cannabis und Co. sprechen kann – ohne einzig auf die Schubladen der Suchtmedizin zurückgreifen zu müssen.
  • Es geht sogar noch weiter: Öffentliche Gesundheit ist nur ein Teilaspekt von Drogenpolitik. Nicht nur in Asien und Südamerika destabilisiert die derzeitige Regelung ganze Staaten. Es geht um innere Sicherheit, Bestechung und Regierbarkeit. Um Vertrauen von Menschen in die Sicherheit ihrer Lebensumwelt und Unparteilichkeit der Polizeibehörden. Und ach ja: auch in einer Drogenpolitik, die nicht-prohibitionistisch ist, wird die Polizei eine wesentliche Rolle spielen. Denn auch dort wird es Schwarzmärkte und kriminelle Organisationen, Verantwortungslose und Vulnerable geben.
    Das alles gilt besonders für die Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Union. Drogenpolitik darf hier inzwischen Gesundheitspolitik, Sozial- und Innenpolitik werden – und zum Vorbild für andere Staaten, die noch im drogenpolitischen Militarismus feststecken. Sie taugt nicht mehr zum Symbol für Werthaltungen (rechts, links, weltoffen, bieder). Aber das dauert vielleicht noch einige Zeit?
  • Schule und Evidenzbasierung. Es ist für einige vielleicht überraschend, aber es gibt in Deutschland keine systematische Präventionspolitik für das Bildungssystem. Über Schule erhoffen man sich einen frühzeitigen Zugang zur ganzen Breite der Bevölkerung. Ein paar evidenzbasierte Programme werden an wenigen Schulen mit leidlicher Stetigkeit durchgeführt. Ansonsten regiert das Durchwurschteln. Nirgendwo ist Implementationsbreite erreicht. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir Bildungspolitik in sechzehn Bundesländern denken. Und damit, dass im Studium von Lehrkräften, „Gesundheit“ nicht als Auftrag von Schule vermitteln wird. Dann bleiben für diese in den Landesgesetzen schon definierte Aufgabe nur noch die überengagierten Einzelkämpfer. Die orientieren sich allerdings sehr selten an Bewährtem, sondern kochen eher mit kreativen Konzepten.
    Zu fordern ist hier: mehr Platz für „Gesundheit“ und „soziale Kompetenzen“ in den Schulen. Mehr Ausbildung, mehr Struktur, mehr Partizipation der Zivilgesellschaft. Aber vor allem auch: mehr Evidenzorientierung und Implementation. Das passt auch in eine Schullandschaft, die sich durch massive Migration stark verändert. Platz dafür in den Schulen! Werden die Mittel des jünst verabschiedeten Präventionsgesetzes auch dafür eingesetzt? Das weiß noch keiner.

Das alles sind wichtige Aspekte der drogenpolitischen Diskussion, die durch den mutigen Antrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg wesentlich mit beeinflusst wurde. Worum geht es jetzt?

Weiter diskutieren. Entskandalisieren. Sachlicher werden. Alle Parteien in die Auseinandersetzung drängen. Allen gesellschaftlichen Gruppen zuhören, die Unterschiede zwischen einer Großstadt wie Berlin und ländlichen Regionen beachten – aber das Einzelinteressen übergreifende Ganze sehen. Genuß, Abhängigkeit und Profitinteressen im Zusammenhang betrachten. Und Wissenschaft mit einbeziehen – die hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz schön rausgehalten aus der Debatte um Drogenpolitik. Und deren vergleichende Messung – die ist nämlich möglich und muss sich keineswegs nur am engen Korsett der Reduktion von Angebot und Nachfrage orientieren.
Und eines ist Voraussetzung für eine rationale Diskussion: wer noch immer Maximallösungen wie „eine drogen- oder suchtfreie Gesellschaft“, „kein Jugendlicher soll mehr Drogen wie Alkohol, Tabak oder Cannabis konsumieren“ als Ziel setzt, der betreibt esoterische Traumtänzerei. Das gleiche gilt für die Meinung, das derzeitige Regulationsmodell sei „alternativlos“. Das ist nicht „moralisch“, sondern realitätsfern. Es geht auch hier um die bestmögliche, nicht um eine ideale Welt. Jede Regluationspolitik im Drogenbereich wird auch negative Effekte wie Konsumanreize für vulnerable Gruppen produzieren. Aber welche Regulationspolitik ist besser?

Es geht jetzt nicht nur um die Interessen eines Cannabis-affinen Berliner Stadtteils, sondern um Einstieg. Nicht in den Konsum, sondern in den Wettbewerb um die besten Regulationsideen und die Erweiterung der drogenpolitischen Instrumente. Um Regulation. Der Antrag des Bezirksamts war ein Erfolg. Weiter so.

Green listed … REBOUND in „Grüne Liste Prävention“ aufgenommen

The Life Skills Programme REBOUND has been newly listed in this important German prevention register:

http://www.gruene-liste-praevention.de/nano.cms/datenbank/programm/88


Das REBOUND Life Skills Programm für junge Menschen und ihre Begleiter ist jetzt auch in die Grüne Liste aufgenommen worden. Wir freuen uns über diese Anerkennung. Derzeit bemühen wir uns genug Pädagogen weiterzubilden um 2016 oder 2017 eine zweite Evaluationsstudie durchführen zu können.


Weiterbildungskurse für Pädagogen, LehrerInnen, Jugend-, Sozial- und Suchthilfe können Sie über die FINDER Akademie buchen.