„Follow me!“ – Gefahren und Chancen des sozialen Einfluss in der Präventionsarbeit

Im Vergleich zu ausschließlich informationsbasierten Präventionspogrammen haben die, die auf Grundlage von sozialem Einfluss arbeiten, eine größere Wirksamkeit gezeigt (Foxrcroft, 2011; Cuijper, 2002a; Tobler et al., 2000). Theorien, die auf sozialem Einfluss beruhen besagen, dass verschiedene Faktoren die individuelle Entscheidungsfindung stark beeinflussen. Zu diesen Faktoren gehören:

(1) sozialen Einstellungen, Normen und Gruppendenken (Fearnow-Kenny et al., 2001)

(2) persönliche / Lebenskompetenzen (Botvin and Griffin, 2002)

(3) eindrucksvolle andere Menschen, die beobachtet und als Modelle gesehen werden  (Bandura, 1977)

(4) Emotionen und nicht nur Kognitionen  (Loewenstein et al., 2001)

Eine Gefahr bei Programmen, die sozialen Einfluss nehmen ist, dass sie von Jugendlichen als soziale Kontrolle wahrgenommen werden können. Dies spielt vor allem in der Altersgruppe, welche das FINDER Lebenskompetenz- und Präventionsprogramm REBOUND anspricht (14-25 Jahre), eine Rolle. REBOUNDs Empowerment-Ansatz versucht dieser Gefahr durch kooperative Entwicklung von Normen entgegenzuwirken. Explorative Filmarbeit ist ein Weg, um die Fähigkeiten, Stärken und Defizite der analysierten Filmfiguren und der aktuellen Kursteilnehmer hervorzuheben. Diese Methode soll zu Reflexion der eigenen Normen, sowie die der anderen, anregen. REBOUND nimmt sozialen Einfluss, will aber keine Kontrolle ausüben. Die Substanz-bezogenen Ziele lassen sich mit „no use, low use, seek appropriate support“ zusammenfassen. Junge Menschen, die nicht konsumieren, sollen darin bestärkt werde, konsumierende Jugendliche sollen die Risiken kennen lernen, um kurz- oder langfristig die Motivation zur Minimierung von Schäden oder zum Ausstieg zu bilden. Wer bereits ernsthafte Probleme durch den Konsum erlebt, sollte rasch Unterstützung im Gesundheitssystem suchen.

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus folgendem Artikel:

Kröninger-Jungaberle, Henrik, Ede Nagy, Maximilian von Heyden, Fletcher DuBois and the REBOUND Participative Development Group. (2014). REBOUND: A media-based life skills and risk education programme. Health Education Journal, 1–15

Referenzen:
Bandura A (1977) Self-efficacy. Towards a unifying theory of behavior change. Psychological Review 84: 191–215.

Botvin GJ and Griffin KW (2002) Life skills training as a primary prevention approach for adolescent drug abuse and other problem behaviors. International Journal of Emergency Mental Health 4(1): 41–48.

Cuijpers P (2002a) Effective ingredients of school-based drug prevention programs: A systematic review. Addictive Behaviors 27(6): 1009–1023.

Fearnow-Kenny MD, Wyrick DL, Hansen WB, et al. (2001) Normative beliefs, expectancies, and alcoholrelated problems among college students: Implications for theory and practice. Journal of Alcohol and Drug Education 47: 31–44.

Foxcroft D and Tsertsvadze A (2011) Universal school-based prevention programs for alcohol misuse in young people. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 9. Art. No.: CD009308. DOI: 10.1002/14651858.CD009308

Loewenstein GF, Weber EU, Hsee CK, et al. (2001) Risk as feelings. Psychological Bulletin 127(2): 267–286. Maruska K and Hanewinkel R (2010) The impact of smoking in movies on children and adolescents: A systematic review. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 53(2): 186–195.

Tobler N (2000) Lessons learned. Journal of Primary Prevention 20(4): 261–274.

 

Starke Lehrer?! Die Auswirkungen des Lehrerverhaltens auf Schüler in Präventionsprogrammen

Nach Pettingrew et al. (2013) beeinflussen Lehrer-Interaktionsstile das Gelingen von Präventionsprogrammen stark. Auch Skinner und Belmont (1993) stützen dies und stellen auf Basis der Self-Determination Theory (Ryan & Deci, 2000) eine Beziehung zwischen Lehrerverhalten und Motivation sowie Einstellung der Schüler her. Die Theorie geht davon aus, dass Menschen über eine intrinsische Motivation verfügen. Diese kann wirksam werden, sobald grundlegend psychologische Bedürfnisse wie

(1) die Wahrnehmung eigener Kompetenz

(2) Autonomie und

(3) sozialer Einbindung befriedigt sind.

Lehrende können durch Schaffen dieser Voraussetzung den Lern- und Programmerfolg beeinflussen. Ein optimaler Lernerfolg wird durch eine aktive Teilnahme der Schüler bedingt, welche wiederum hauptsächlich vom Verhalten der Lehrenden abhängt.

Die Motivation und das Engagement der Schüler wird durch Vorgeben von Struktur, Förderung von Autonomie und persönlicher Involviertheit der Lehrkraft mitbestimmt. Besonders die Involviertheit der Lehrenden und die Wirkung derer intrinsischer Motivation beeinflusst das Interesse und Durchhaltevermögen der Schüler. Radel, Sarrazin, Legrain & Wild (2010) bezeichnen die intrinsische Motivation der Lehrkraft als „ansteckend“ und somit als einen wichtigen Einflussfaktor im Interaktionsprozess.

Die Motivation der Lehrenden selbst, hängt stark von den verfolgten Zielen ab. Butler (2007) beschreibt, dass es bei Pädagogen erhebliche Unterschiede in Motivation, Zielorientierung und Unterrichtsstilen gibt und unterscheidet zwischen vier Typen: Das Streben danach, selbst beim Unterricht etwas zu lernen und seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln (mastery), den Wunsch, im Unterricht außergewöhnliche Fähigkeiten zu demonstrieren (ability approach), den Wunsch im Unterricht nicht als inkompetent aufzufallen (ability avoidance), sowie das Ziel, Arbeit zu vermeiden (work avoidance). Je nach Motivationslage ist mit erheblichen Variationen bei der Umsetzung von Präventionsprogrammen zu rechnen.

Eine weitere wichtige und ebenfalls „ansteckende“ Determinante stellt die Selbstwirksamkeitserwartung dar. Selbstwirksamkeitserwartung wird von Bandura (1977) als der Glauben etwas bewirken und Einfluss nehmen zu können, sowie in schwierigen Situationen selbstständig handeln zu können beschrieben. Eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung der Lehrenden führt zu schlechteren Leistungen der Schüler, dies wiederum zu einem  rückwirkenden Einfluss auf den Lehrenden.  Eine kollektive hohe Selbstwirksamkeitserwartung hingegen erhöht Motivation, die Orientierung an den eigenen Fähigkeiten, kooperatives Verhalten und führt zu besseren Leistungen.

Für das Gelingen eines Präventionsprogramms ist somit entscheidend die Selbstwirksamkeitserwartung des Klassengefüges, wie auch des einzelnen Schülers zu maximieren und ihn aus der Passivität der Schülerrolle herauszulösen.

 

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus folgendem Artikel:

Kröninger-Jungaberle, H., & Schuldt, F. (2014). Abschied von der Homogenität – Eine Interaktions-Typologie von Jugendlichen in der Prävention des Missbrauchs von Alkohol und anderen Drogen. Rausch – Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, 3(1), 45–57.

Referenzen:

Bandura, A. (1977): Self-efficacy: toward a unifying theory of behavioral change. Psychol Rev 84 (2), 191-215.

Butler, R. (2007): Teachers’ achievement goal orientations and associations with teachers’ help seeking: Examination of a novel approach to teacher motivation. Journal of Educational Psychology 99 (2), 241-252. doi:10.1037/0022- 0663.99.2.241

Pettigrew, J., Miller-Day, M., Shin, Y. et al. (2013): Describing Teacher-Student Interactions: A Qualitative Assessment of Teacher Implementation of th 7st Grade keepin´it REAL Stubstance Use Intervention. American Journal of Community Psychology 51 (1-2), 43-56. doi:10.1007/s10464-012-9539-1

Radel, R., Sarrazin, P., Legrain, P. & Wild, T. C. (2010): Social contagion of motivation between teacher and student: Analyzing underlying processes. Journal of Educational Psychology 102 (3), 577.

Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2000): Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and wellbeing. American Psychologist 55 (1), 68-78. doi:10.1037/0003-066X.55.1.68

Skinner, E. A. & Belmont, M. J. (1993): Motivation in the classroom: Reciprocal effects of teacher behavior and student engagement across the school year. Journal of Educational Psychology 85 (4), 571-581. doi:10.1037/0022-0663.85.4.571

 

Eine Botschaft, acht Empfänger – Schülertypologien in der Prävention

 

Universell angelegte Präventionsprogramme werden häufig im Setting Schule durchgeführt. Dies hat den Vorteil eines niederschwelligen Zugangs zur Zielgruppe und das Erreichen einer heterogenen Gruppe an Jugendlichen. Die Inhomogenität dieser Gruppe stellt die Präventions-Pädagogen allerdings vor Herausforderungen, welche je nach Bewältigung, über den Erfolg oder Nicht-Erfolg des Programms entscheiden können. Unterschiede in Charakteren, Lebenslagen und Interessen der Zielgruppe stellen nicht nur die Implementationstreue in Frage, sondern fordern auch einen professionellen Aufbau von sozialer Kompetenz und Unterrichtsstil seitens der Lehrkräfte. Diese pädagogischen Grundlagen werden heute häufig nur unzureichend in der Ausbildung von Multiplikatoren für Präventionsprogramme vermittelt.

Für das Gelingen von Präventionsprogrammen im Schulsetting, ist eine erfolgreiche Kommunikation zwischen den beteiligten Akteuren unabdingbar und erfordert Methoden, um die Herausforderungen der Heterogenität zu bewältigen.

Zur Beschreibung erfolgreicher Methoden, um mit unterschiedlichen Interaktionsverhalten umzugehen und eine Verbesserung in der Schulung von Pädagogen und Multiplikatoren zu erreichen, wurde eine Schüler-Typologie konstruiert. Diese empirisch-begründeten „constructed types“ stellen eine Mischung aus real im Feld vorkommenden Personen und konzeptioneller Zuspitzung dar. Zwischen den Typen mit verschieden Ausprägungen gibt es fließende Übergänge, weshalb sie selten abgrenzbaren Klassen zugeordnet werden können. Der Begriff der Typologie beinhaltet, dass sich die Elemente innerhalb eines Typus möglichst ähnlich sind und sich von anderen Typen maximal unterscheiden. Von Klassifikation wird gesprochen, wenn einem Objekt ein Merkmal eindeutig zu-oder abgesprochen werden kann, was in sozialen Systemen jedoch selten möglich ist.

Die vorliegende „Schülerinnen- und Schüler“-Typologie wurde im Umfeld des REBOUND-Programms entwickelt, welches sich an 14-25-jährige richtet. REBOUND ist ein 16 teiliges, empirisch überprüftes Lebenskompetenz- und Präventionsprogramm und wird von Pädagogen und jungen Mentoren gemeinsam durchgeführt. Diese berichteten in Supervisionen von erheblichen Unterschieden im Interaktionsgeschehen bei der Durchführung ihrer Kurse. 38 Präventionspraktiker entwickelten – durch eine unsystematische Sammlung von elf Schülertypen – die Grundlage für die Systematisierung der Typologie zu „constructed types“. Des Weiteren wurden Berichte von teilnehmenden Schülern, Mentoren und praktizierenden Präventionspädagogen, sowie Notizen aus Weiterbildungen und Supervisionen mit einbezogen, um die empirisch-begründete Typologie zu erstellen. Es wurden 8 verschiedene Typenbegriffe erstellt, welche nicht auf Persönlichkeitsmerkmalen, sondern kontextabhängigen Interaktionsstilen zwischen Schülern und Pädagogen beruhen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Motivation, Kommunikation, Beteiligung und Autonomie gegenüber den Peers. Die Typenbegriffe lauten: Die Meinungsführer, die Mitläufer, die Authentischen, die Pseudo-Reflektierten, die Außenseiter, die Leistungsorientierten, die Desillusionierten und die Rebellen.

(1) Die Meinungsführer

Sind Schüler/Innen die dominieren und eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Präventionsbotschaften übernehmen. Die Autonomie gegenüber den Peers ist hoch. Der Einfluss auf die Klasseninteraktion kann positiv oder negativ sein. Stehen einzelne Charaktere oft im Mittelpunkt oder sind sehr engagiert, entsteht für Lehrpersonen die Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Meinungsführern und dem Rest der Klasse herzustellen, ohne die Engagierten zu enttäuschen.

(2) Die Mitläufer

Zeichnen sich durch weniger autonome und mehr an der Gruppendenkweise orientierte Kommunikation aus. Ihr

Interaktionsverhalten wird von den Peers als eher positiv und den Lehrern meist als angepasst wahrgenommen. Eine Herausforderung für Kursleiter ergibt sich, wenn sich die Mitläufer an Meinungsführer mit negativen Interaktionsmustern orientieren.

(3) Die Authentischen

Sind häufig sensitive, selbstreflexive, aber auch körperlich weiter entwickelte Schüler mit hoher Autonomie. Sie können das Interaktionsgeschehen positiv beeinflussen, da es ihnen gelingt Selbstbezug auszudrücken und Persönliches zu offenbaren. Auch aufrichtige Kritik an Kursleitern, Peers oder Kursthemen können einen positiven Einfluss haben.

Die Authentischen zeigen häufig Interesse an den sozialen Themen der Präventionskurse, bauen leichter positive Beziehungen zu Lehrenden auf, stehen dafür aber nicht selten in Konflikt mit abgeneigten Peers.

(4) Die Pseudoreflektierten

Zeigen sich häufig motiviert, meinen Vermitteltes unmittelbar zu verstehen, stellen allerdings keinen Selbstbezug her. Sie neigen zu sozial erwünschtem Verhalten, aber haben Probleme das erworbene Wissen auf sich selbst oder Anwendungssituationen zu übertragen.

 

 

(5) Die Außenseiter

Stehen am Rande des Interaktionsgeschehens, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Merkmale und Gründe aber stark. Häufig sind unter ihnen hoch belastete Personen, welche sich am Kursgeschehen allerdings selten beteiligen. Aufgrund der hohen Belastung und der Bedeutsamkeit für die Klasse als Ganzes, wird Kursleitern die wichtige Aufgabe zuteil, Außenseiter in das Geschehen des Präventionskurses zu involvieren. Ob diese zum Interaktions-Bündnispartner oder -Gegenspieler werden, hängt häufig von der Reaktion der Peers auf die Initiative der Kursleiter ab, die Außenseiter zu involvieren. Gelingt die Integration der Außenseiter ins Kursgeschehen, können auch die anderen Schüler davon profitieren.

(6) Die Leistungsorientieren

Fordern die Gewichtung von Fakten stärker zu berücksichtigen als die Selbst- und soziale Reflexion. Sie kommunizieren eher selten konstruktiv mit ihren Peers aber können trotz teilweise geringem Interesse am Kursthema stark auf den Kursleiter orientiert sein.

 

 

(7) Die Desillusionierten

Fühlen sich leicht von Kursleitern unter Selbstoffenbarungsdruck gesetzt und lehnen Methoden und Inhalte des sozialen Lernens ab. Sie verfügen über eine geringe persönliche oder kollektive Selbstwirksamkeitserwartung bezüglich Veränderungen, die durch präventive Veränderungen möglich sind. Kursleiter und Mentoren werden vor die Herausforderung gestellt, eine Veränderung der Interaktionsmuster zu erreichen und die Desillusionierten einzubinden. Eine Veränderung kann durch bedeutsame Momente mit Authentizitätscharakter geschaffen werden.

(8) Die Rebellen

Verfolgen oft unabhängig von Kursinhalten das Entwicklungsthema Autonomie. Sie können positiven oder negativen Einfluss auf das Kursgeschehen haben. Positiv kann die Authentizität in ihrem Kommunikationsverhalten wirken. Vor Herausforderungen werden Kursleiter gestellt, wenn sich „die Rebellen“ über die Notenfreiheit, Kommunikationsregeln oder interaktive Methoden in den Mittelpunkt stellen oder die Peers durch Rivalität mit dem Kursleiter beeindrucken wollen. Dies kann tiefere Gespräche verhindern und andere Kursteilnehmer   ablenken.

 

 

Schüler-Interaktionsmuster sollen von Pädagogen differenziert wahrgenommen werden und mit einer methodisch überlegten Reaktion beantwortet werden. Zusammen mit Konsumerfahrenheit der Schüler und Lehrer-Interaktionsmuster spielen Schüler-Interaktionsmuster eine entscheidende Rolle für die Vermittlung von Risikobotschaften und schadensminimierenden Informationen. Die konstruierte Schüler-Typologie ist nützlich für die Anwendung im gezielten Interaktionstraining von Kursleitern in Weiterbildungen und Supervision. Das Ziel liegt darin, produktive Strategien im Umgang mit der Vielfalt im Klassenzimmer zu erlernen.

 

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus folgendem Artikel:

Kröninger-Jungaberle, H., & Schuldt, F. (2014). Abschied von der Homogenität – Eine Interaktions-Typologie von Jugendlichen in der Prävention des Missbrauchs von Alkohol und anderen Drogen. Rausch – Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, 3(1), 45–57

Persönlicher Jahresrückblick 2016 – Henrik Jungaberle

Kritik und Zukunft der psychedelischen Bewegung (2016): der Initiativkreis „Stiftungsgründung“ in Berlin

„Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte,
bemüht sich um Dunkelheit.“
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Ich bin aus verschiedenen Gründen davon überzeugt, dass Psychedelika und Entaktogene eine positive Rolle in Medizin, Psychotherapie und globaler Kultur spielen können. Sie haben es bereits getan und es gibt inzwischen eine ernstzunehmende Wissenschaft [1], die diesen Optimismus unterfüttert. Diese Substanzen können vor allem bei unsachgemäßem Gebrauch aber auch negative Effekte produzieren. Deshalb kann es keine psychedelische Medizin geben, die „negative Wirkungen“ nicht thematisiert und eine Ethik der Anwendung formuliert. Das ist übrigens bei den Opiaten nicht anders. Einen Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ habe ich im Herbst 2016 in Berlin ins Leben gerufen.

Die entheoscience als aktuelles Forum in der deutschsprachigen „psychedelischen Szene“

Die entheoscience ist ein Konferenzformat, das von Joe Schraube entwickelt wurde und mit einem kleinen Team Freiwilliger organisiert wird. Auf der diesjährigen Berliner Tagung mit dem Motto „Let’s talk about Psychedelics“ trafen sich vom 3.-4. September 2016 mehr als 300 Teilnehmer. Deren Hintergründe reichten von wissenschaftlich interessierten Studierenden und Forschern, über Therapeuten, spirituell Interessierten und Psychonauten bis hin zu politischen Aktivisten aus der Party- und Drogenpolitikszene.

In meinem Beitrag spreche ich über interne Konflikte oder Herausforderungen der „psychedelischen Szene“ (die ich auch genauer beschreibe, hier der LINK zu meinen Vortragsfolien).
Und ich argumentiere, dass es besondere Bedingungen in den deutschsprachigen Ländern gibt, die eine zielführende Organisation der psychedelischen „Szene“ bisher verhindert haben. Warum gibt es kein „deutschsprachiges MAPS“? Wie kam es, dass das die früher hier aktive Organisation „Europäische Collegium für Bewusstseinsstudien (ECBS)“ Anfang der 2000er einfach von der Bildfläche verschwunden ist?
2016-09-04-kritik-und-zukunft-der-psychedelischen-bewegung-henrik-jungaberle-entheoscience_seite_16Dazu gehört auch (aber nicht nur) der teilweise lähmende Einfluss einer Gruppe um den Schweizerer Psychotherapeuten Samuel Widmer. Wichtiger aber sind kulturelle Ideen, in der Psychedelika-Szene, wie die Verwechslung von Erfahrung und Erkenntnis sowie ein häufig naives, in Schubladen-Denken verharrendes Verständnis von Wissenschaft. Das führt dann zu fruchtlosen Gegenüberstellungen wie „Spiritualität versus Wissenschaft“. Oder es herrscht Sprachlosigkeit oder elitäre Arroganz bezüglich der möglichen negativen Nebenwirkungen von Psychedelika und Entaktogenen vor. Diese sind einfach Realität, gleichgültig, welche Rolle hier die Illegalisierung dieser Substanzen spielen mag.

 

ABSCHLUSSPODIUM auf der entheoscience 2016

„Alles, was in die Tiefe geht, ist klar bis zur Durchsichtigkeit.“
Leo Tolstoi, Tagebücher, 1899

Direkt im Anschluss an meinen Beitrag fand das Abschlusspodium der Tagung statt, in dem die von mir angesprochenen Konflikte deutlich hervortreten. Ich spreche sie teilweise selbst aus. Meine Haltung ist klar: ohne zu benennen, was die psychedelisch Interessierten trennt und welche Illusionen hier vorherrschen, lässt sich kaum ein positiver Schritt in Richtung Selbstorganisation und Zusammenarbeit gehen. Hier die Podiumsdiskussion auf der entheoscience:

Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ in Berlin

Mein eigener Beitrag schließt mit dem Vorschlag zu fünf Initiativen, die aus der „psychedelischen Bewegung“ heraus zu starten sind, um mittelfristig die Illegalisierung dieser Substanzen zu überwinden, therapeutische Effekte seriös nachzuweisen und die (in Public Health Perspektive [2], [3] vergleichsweise geringen, aber eben vorhandenen) negativen Effekte dieser Substanzen zu minimieren. Dazu gehören:

  • eine (regelmäßige) wissenschaftliche Konferenz zu Fragen und Studien mit Psychedelischen Substanzen, die von Grundlagenwissenschaft über Therapieforschung [4], Fragen der Drogenregulation bis zur Kulturwissenschaft reichen kann
  • eine (regelmäßige) Konferenz zur psychedelischen Kultur, deren Ausgangspunkt durchaus die entheoscience sein könnte
  • Prävention/Harm Reduction auf dem Feld des experimentellen und regenerationalen Gebrauch dieser Substanzen
  • Koordinierte Öffentlichkeitsarbeit, um der verbreiteten „Ahnungslosigkeit“ in allen Bevölkerungsschichten gegenüberzutreten
  • eine Organisation, die all dies gestalten und fördern kann – durch Sammeln von Spenden, Teilnahme an Forschungsförderung und der Vergabe von Stipendien und Projektfördermitteln

Ich habe in diesem Herbst einen Initiativkreis „Stiftungsgründung“ ins Leben gerufen, der im November 2016 in Berlin das Gründungskonzept diskutieren und verabschieden wird. Wem die oben genannten Punkt am Herzen liegen, wer forschen möchte oder eine positive Rolle der Psychedelika in der Gesellschaft unterstützen will, ist eingeladen, sich entweder am Initiativkreis selbst oder dem angegliederten Unterstützerkreis zu beteiligen.
Die Organisation wird bilingual Deutsch und Englisch sein und schließt Interessenten aus den deutschsprachigen und weiteren europäischen Ländern ein.

StiftungsgründungKontakt zum Initiativkreis und Information: Link. Ich werde weiter über den Fortgang der noch jungen Initiative berichten.

 


Referenzen

[1] Sessa, B. (2015). Turn on and tune in to evidence-based psychedelic research. The Lancet Psychiatry, 2(1), 10–12.

[2] Krebs, T. S., & Johansen, P.-Ø. (2013). Psychedelics and mental health: a population study. PloS One, 8(8), e63972. http://doi.org/10.1371/journal.pone.0063972

[3] van Amsterdam, J., Nutt, D., Phillips, L., van den Brink, W., Amsterdam, J. Van, Nutt, D., & Phillips, L. (2015). European rating of drug harms. Journal of Psychopharmacology (Oxford, England), 1–6. http://doi.org/10.1177/0269881115581980

[4] Jungaberle, H., Gasser, P., Weinhold, J., & Verres, R. (2008). Therapie mit psychoaktiven Substanzen : Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA (1. Aufl.). Edited Book, Bern: Huber.

https://www.amazon.de/Henrik-Jungaberle/e/B00IO4T17C/ref=sr_tc_2_0?qid=1473535331&sr=8-2-ent

 

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Finder @ Breaking Convention 2015 – More than an in-group meeting

Psychedelic Science and Therapy are integral interests of several members of FINDER, especially those committed to research.
Firmly rooted in the principles of harm reduction and an integrative approach to substance use, we try to promote an open, unbiased view on psychoactive substances.

Last weekend five of us participated in the largest gathering of like-minded people here in Europe: Breaking Convention, a multi-disciplinary meeting of more than 800 people at the University of Greenwich, London.
The program ranged from hard-core scientific presentations on fMRI brain mapping under the influence of LSD, drug politics and legalisation issues and current development in MDMA therapy studies to film presentations and performances.
A kaleidoscope of topics and ideas.

Our contribution was a presentation of a model on Integrative Use of Psychedelic substances that was presented by Dr. Henrik Jungaberle and Dr.med. Andrea Zeuch.
Based on first scientific data, it is designed to allow for unprejudiced understanding and communication on the issue of drug use without the subtle stink of immanent addiction and destruction that comes with most notions on psychedelics in public discourse.

Not every drug use is automatically addictive or destructive – as public opion permanently tries to suggest. And beyond the idea of every intake of psychedelics being automatically problematic and dangerous, there lies a whole field of unproblematic and beneficial use- with a range from therapeutic use in controlled professional contexts to creativity increase.

In a period of time where both drug decriminalization/legalisation on one hand and sharper restrictions (such as the planned Psychoactive Substance Act banning even every future Psychoactive substance in the UK) are in place, bringing together all who can speak in favour of a rational and evidence-based approach to psychoactives is of utmost importance.

The credibility of refined scientists like David Nutt helps immensely to bridge the gap between activists and the general public, helping to turn the public opinion in favour of such crucial projects like MDMA-assisted trauma therapy for PTSD that would not have stood a chance 20 years ago.
But today they are being implemented – mainly in the United States, but also in Switzerland and Israel. With groups of therapists and scientists in countries preparing to follow suit, for example in Australia or in Germany, where FINDER is part of such an attempt in cooperation with MAPS.

Having been a most inspiring and informative event, Breaking Convention has provided all of us with new motivation, energy and ideas to work towards a paradigm change on Psychedelic Substances fit for the 21st century.

Was ist eigentlich ein „integrativer Umgang“ mit psychoaktiven Substanzen?

Integrität, Integration und Rausch: geht das zusammen? Natürlich, wir sollten nur anfangen unaufgeregt und ehrlich darüber zu reden.
Zu unserem Forschungsprogramm in FINDER gehört es, „integrative Formen“ des Substanzkonsums zu beschreiben. In einem Gastbeitrag auf ZEIT Online habe ich kürzlich geschrieben, dass „kontrollierte Formen“ des Umgangs mit psychoaktiven Substanzen – neben problematischen und abhängigen – weit verbreitet sind. Ja, aber kontrolliert heißt eben vor allem „nicht-abhängig“, das sagt noch wenig über deren Nutzen und Qualität.
Hier eine Arbeitsdefinition von „integrativem Gebrauch von psychoaktiven Substanzen“.

Definition

Integrativer Gebrauch einer psychoaktiven Substanz ist ein langfristiger, nutzbringender Gebrauch, der die Befähigungen eines Menschen erhält oder verbessert.
Bei dieser Art von Gebrauch sollen die Veränderten Bewusstseinszustände intentional dazu genutzt werden, um ein Individuum oder das soziale Leben einer Gruppe zu verbessern, zu entwickeln oder zu heilen.

Daraus ergeben sich eine Reihe offener Fragen:
Was ist integration?
Was heißt langristig?
Wer sagt eigentlich, was nutzbringend ist?
Bei welchen psychoaktiven Substanzen ist das möglich oder wahrscheinlich?
Was sind Befähigungen?
… mehr dazu in den nächsten Wochen.

Weiterführende Literatur für wissenschaftlich interessierte Leser

Schippers, G. M., & Cramer, E. (2002). Kontrollierter Gebrauch von Heroin und Kokain. Suchttherapie, 3(2), 71–80. doi:10.1055/s-2002-28491

Fiorentine, R., & Hillhouse, M. P. (2003). Replicating the Addicted-Self Model of recovery. Addictive Behaviors, 28(6), 1063–1080. doi:http://dx.doi.org/10.1016/S0306-4603(02)00231-9

Kolte, B., & Schmidt-Semisch, H. (2005). Kontrollierter Drogenkonsum: Ein prekäres Paradigma? In A. Legnaro  Schmieder, A. (Ed.), Kontrollierter Drogenkonsum – Drogenkonsum als Lebenskontrolle, Jahrbuch Suchtforschung, Bd.5. Münster, Hamburg, London: LIT Verlag.

Jungaberle, H. (2006). Rituale und Integrationskompetenz beim Gebrauch psychoaktiver Substanzen. In H. Jungaberle, R. Verres, & F. DuBois (Eds.), Rituale erneuern – Ritualdynamik und Grenzerfahrung in interdisziplinärer Perspektive. Gießen: Psychosozial Verlag.

http://henrikjungaberle.com/2015/06/11/fortschritte-in-der-drogenpolitik-und-suchtmedizin-kontrolle-beim-drogengebrauch-ist-gut-aber-genugt-das/

„Streitgespräch“: Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler und Henrik Jungaberle

Today ZEIT Online published parts of a dialogue between Marlene Mortler, Federal Commissioner for Drug Policy of the German Government and Dr. Henrik Jungaberle, prevention researcher.

ZEIT Leserservice Ankündigung HJ und Mortlerhttp://www.zeit.de/…/drogensucht-marlene-mortler-henrik-jun…

Henrik Jungaberle zum Interview:

„Aus meiner Sicht ein gelungenes, respektvolles Streitgespräch mit klar unterschiedlichen Positionen zum Umgang mit Drogen wie Alkohol und Cannabis, zu Sucht und Menschenrechten sowie der Offenheit für positive Rauscherfahrungen.
Gerade das letzte Thema ist für Politiker, die damit aufgewachsen sind, Alkohol ODER Drogen zu sagen immer noch fremd. Diese Trennung in den Köpfen der Menschen und politischen Repräsentanten aufrechtzuerhalten ist die Geschichte der Alkoholindustrie – sie profitiert massiv davon.“

Read more about it and discuss on ZEIT Online.

Gastblog von Maximilian von Heyden | Vom Wert des Vertrauens: Peer-Gespräche in der Schule

„Der schönste Moment war für mich auch dieses Mal der Moment, in dem die Schüler merken, dass da gerade wirklich jemand sitzt, der sich für sie und ihre Belange interessiert und sich deshalb nach und nach immer mehr öffnen.“

REBOUND Peer-Mentorin (23 Jahre)

Eine wichtiger Bestandteil des Life Skills Programms REBOUND ist die Arbeit mit Peer-Mentoren.
Peer-Mentoren sind junge Menschen, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kurses nahestehen. Sie haben selbst erst vor wenigen Jahren die wichtigsten Hürden des Erwachsenwerdens genommen, welche die Kursteilnehmer vor sich liegen haben oder gerade zu bewältigen versuchen.

Viele Studierende aus den Bereichen Bildungswissenschaft & Lehramt, Psychologie und Gesundheitsförderung haben sich in den vergangenen Jahren ehrenamtlich im Rahmen solcher Mentoring-Gespräche engagiert und dabei von ihrem eigenen Umgang mit Krisen und Herausforderungen in der Pubertät berichtet – und die oft sehr lebendigen und bewegten Gespräche danach moderiert.

Neben dem Kompetenzerwerb und wichtigen Impulsen zur Selbstreflexion für die Peer-Mentoren, sind es vor allem die Schülerinnen und Schüler, deren Reaktionen Mut machen, in Schulen öfter Räume der Offenheit und des authentischen, geschützten Austausches zu eröffnen. Fernab von Noten und hierarchischen Beziehungen.

Fotokunst aus "High sein. Ein Aufklärungsbuch" von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. Fotos von Fabian Hammerl und Kathrine Uldbaek Nielsen

Fortschritte in der Drogenpolitik und Suchtmedizin: Kontrolle beim Drogengebrauch ist gut. Aber genügt das?

Beim Umgang mit dem Drogenproblem gab es in den letzten Jahren echte Fortschritte. Wir dürfen jetzt beispielsweise sagen, dass Alkohol und Tabak Drogen sind. Cannabisprodukte können schon einmal zu medizinischen Zwecken verschrieben werden. Weiterlesen