Kritik und Zukunft der psychedelischen Bewegung (2016): der Initiativkreis „Stiftungsgründung“ in Berlin

„Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte,
bemüht sich um Dunkelheit.“
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Ich bin aus verschiedenen Gründen davon überzeugt, dass Psychedelika und Entaktogene eine positive Rolle in Medizin, Psychotherapie und globaler Kultur spielen können. Sie haben es bereits getan und es gibt inzwischen eine ernstzunehmende Wissenschaft [1], die diesen Optimismus unterfüttert. Diese Substanzen können vor allem bei unsachgemäßem Gebrauch aber auch negative Effekte produzieren. Deshalb kann es keine psychedelische Medizin geben, die „negative Wirkungen“ nicht thematisiert und eine Ethik der Anwendung formuliert. Das ist übrigens bei den Opiaten nicht anders. Einen Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ habe ich im Herbst 2016 in Berlin ins Leben gerufen.

Die entheoscience als aktuelles Forum in der deutschsprachigen „psychedelischen Szene“

Die entheoscience ist ein Konferenzformat, das von Joe Schraube entwickelt wurde und mit einem kleinen Team Freiwilliger organisiert wird. Auf der diesjährigen Berliner Tagung mit dem Motto „Let’s talk about Psychedelics“ trafen sich vom 3.-4. September 2016 mehr als 300 Teilnehmer. Deren Hintergründe reichten von wissenschaftlich interessierten Studierenden und Forschern, über Therapeuten, spirituell Interessierten und Psychonauten bis hin zu politischen Aktivisten aus der Party- und Drogenpolitikszene.

In meinem Beitrag spreche ich über interne Konflikte oder Herausforderungen der „psychedelischen Szene“ (die ich auch genauer beschreibe, hier der LINK zu meinen Vortragsfolien).
Und ich argumentiere, dass es besondere Bedingungen in den deutschsprachigen Ländern gibt, die eine zielführende Organisation der psychedelischen „Szene“ bisher verhindert haben. Warum gibt es kein „deutschsprachiges MAPS“? Wie kam es, dass das die früher hier aktive Organisation „Europäische Collegium für Bewusstseinsstudien (ECBS)“ Anfang der 2000er einfach von der Bildfläche verschwunden ist?
2016-09-04-kritik-und-zukunft-der-psychedelischen-bewegung-henrik-jungaberle-entheoscience_seite_16Dazu gehört auch (aber nicht nur) der teilweise lähmende Einfluss einer Gruppe um den Schweizerer Psychotherapeuten Samuel Widmer. Wichtiger aber sind kulturelle Ideen, in der Psychedelika-Szene, wie die Verwechslung von Erfahrung und Erkenntnis sowie ein häufig naives, in Schubladen-Denken verharrendes Verständnis von Wissenschaft. Das führt dann zu fruchtlosen Gegenüberstellungen wie „Spiritualität versus Wissenschaft“. Oder es herrscht Sprachlosigkeit oder elitäre Arroganz bezüglich der möglichen negativen Nebenwirkungen von Psychedelika und Entaktogenen vor. Diese sind einfach Realität, gleichgültig, welche Rolle hier die Illegalisierung dieser Substanzen spielen mag.

 

ABSCHLUSSPODIUM auf der entheoscience 2016

„Alles, was in die Tiefe geht, ist klar bis zur Durchsichtigkeit.“
Leo Tolstoi, Tagebücher, 1899

Direkt im Anschluss an meinen Beitrag fand das Abschlusspodium der Tagung statt, in dem die von mir angesprochenen Konflikte deutlich hervortreten. Ich spreche sie teilweise selbst aus. Meine Haltung ist klar: ohne zu benennen, was die psychedelisch Interessierten trennt und welche Illusionen hier vorherrschen, lässt sich kaum ein positiver Schritt in Richtung Selbstorganisation und Zusammenarbeit gehen. Hier die Podiumsdiskussion auf der entheoscience:

Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ in Berlin

Mein eigener Beitrag schließt mit dem Vorschlag zu fünf Initiativen, die aus der „psychedelischen Bewegung“ heraus zu starten sind, um mittelfristig die Illegalisierung dieser Substanzen zu überwinden, therapeutische Effekte seriös nachzuweisen und die (in Public Health Perspektive [2], [3] vergleichsweise geringen, aber eben vorhandenen) negativen Effekte dieser Substanzen zu minimieren. Dazu gehören:

  • eine (regelmäßige) wissenschaftliche Konferenz zu Fragen und Studien mit Psychedelischen Substanzen, die von Grundlagenwissenschaft über Therapieforschung [4], Fragen der Drogenregulation bis zur Kulturwissenschaft reichen kann
  • eine (regelmäßige) Konferenz zur psychedelischen Kultur, deren Ausgangspunkt durchaus die entheoscience sein könnte
  • Prävention/Harm Reduction auf dem Feld des experimentellen und regenerationalen Gebrauch dieser Substanzen
  • Koordinierte Öffentlichkeitsarbeit, um der verbreiteten „Ahnungslosigkeit“ in allen Bevölkerungsschichten gegenüberzutreten
  • eine Organisation, die all dies gestalten und fördern kann – durch Sammeln von Spenden, Teilnahme an Forschungsförderung und der Vergabe von Stipendien und Projektfördermitteln

Ich habe in diesem Herbst einen Initiativkreis „Stiftungsgründung“ ins Leben gerufen, der im November 2016 in Berlin das Gründungskonzept diskutieren und verabschieden wird. Wem die oben genannten Punkt am Herzen liegen, wer forschen möchte oder eine positive Rolle der Psychedelika in der Gesellschaft unterstützen will, ist eingeladen, sich entweder am Initiativkreis selbst oder dem angegliederten Unterstützerkreis zu beteiligen.
Die Organisation wird bilingual Deutsch und Englisch sein und schließt Interessenten aus den deutschsprachigen und weiteren europäischen Ländern ein.

StiftungsgründungKontakt zum Initiativkreis und Information: Link. Ich werde weiter über den Fortgang der noch jungen Initiative berichten.

 


Referenzen

[1] Sessa, B. (2015). Turn on and tune in to evidence-based psychedelic research. The Lancet Psychiatry, 2(1), 10–12.

[2] Krebs, T. S., & Johansen, P.-Ø. (2013). Psychedelics and mental health: a population study. PloS One, 8(8), e63972. http://doi.org/10.1371/journal.pone.0063972

[3] van Amsterdam, J., Nutt, D., Phillips, L., van den Brink, W., Amsterdam, J. Van, Nutt, D., & Phillips, L. (2015). European rating of drug harms. Journal of Psychopharmacology (Oxford, England), 1–6. http://doi.org/10.1177/0269881115581980

[4] Jungaberle, H., Gasser, P., Weinhold, J., & Verres, R. (2008). Therapie mit psychoaktiven Substanzen : Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA (1. Aufl.). Edited Book, Bern: Huber.

https://www.amazon.de/Henrik-Jungaberle/e/B00IO4T17C/ref=sr_tc_2_0?qid=1473535331&sr=8-2-ent

 

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