2016 – my personal year in review

From New York to Berlin, from LSD to Cannabis, from Prevention to Drug Policy, from FINDER to our “Handbook Psychoactive Substances”

In my personal review of the year 2016 I talk about 10 events and developments, that moved me and my colleagues this year – look for youself, if you like to!

Personal review of the year 2016 – watch Henrik on YouTube …

I talk about the following 10 projects and events that made his year 2016.

1. Development of the organization FINDER prevention and drug science (http:/finder-akademie.de and http://finder-research.com)

2. The participation of FINDER’s vice-director Maximilian von Heyden at the United Nations General Assembly debating the World Drug Problem

3. How FINDER’s Life Skills and prevention program REBOUND developed in 2016

4. Henrik tripsitted a German TV journalist taking LSD for his RTL show “Das Jenke Experiment”: see why he has done it and how it worked out (http://henrikjungaberle.com/jenke-nimmt-lsd-was-ist-wirklich-passiert/)

5. It’s a pleasure … working together with great colleagues: Psychotropic Substances Research Group (https://psy-ccm.charite.de/en/research/addiction/psychotropic_substances_research_group/)

6. Henrik and his colleagues have written a EU grant application and assembled a European network for that purpose: OVID

7. FINDER started with commenting on the Berlin Cannabis Campaign “”zu-breit” that had been harshly critized by experts.

8. 2016 was a year in which Henrik had a larger number of public presentations than ever before – touching topics like risk competence, drug prevention quality standards (EDPQS), REBOUND, Cannabis and more …

9. Together with a fantastic group of people Henrik established *mind* – european foundation for psychedelic science on Nov 26th 2016 in Berlin (http://mind-foundation.org)

10. Most of the year 2016 scientific work was shaped by editing the “Handbook Psychoactive Substances” (http://finder-research.com)

… and an outlook on what’s to be expected in 2017

Jenke von Wilmsdorff nimmt LSD und probiert “High sein ohne Drogen” aus (RTL-Blogpost Folge 1/3)

Ich nähr’ mich nur von dem, was glüht und brennt
und leb’ von dem, von dem die andern sterben.

Michelangelo (1475 – 1564), italienischer Bildhauer, Maler, Baumeister und Dichter

Darf ein Journalist Tabus brechen oder gar Gesetze übertreten, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und aufzuklären? Kommt drauf an. Auf die Dosis an kritischem Potential vor allem.

Am Montag, den 05.09.2016 um 21.15 strahlt RTL eine neue Folge der Fernsehserie “Das Jenke-Experiment” aus. Nachdem der Journalist Jenke von Wilmsdorff bereits durch seine Alkohol– und Cannabis-Experimente neues Terrain in punkto explizite Darstellung von Rausch und Drogen betreten hatte, geht es diesmal um “Drogen”. Also: um einen Ausschnitt aus dem Spektrum der anderen Drogen, denn Alkohol muss genauso als solche gelten wie Cannabis.

Der selbstformulierte Anspruch lautet, gesellschaftlichen Reizthemen auf den Grund zu gehen und dabei eine ungewöhnliche journalistische Perspektive einzunehmen. Dr. Henrik Jungaberle hat ihn zusammen mit Prof. Volker Auwärter bei einem LSD-Experiment begleitet. Und gemeinsam mit Dr. Andrea Zeuch und einer Gruppe Freiwilliger in eine außergewöhnliche “Rauscherfahrung” geführt – und zwar mit der bloßen Kraft des Atems unter dem Motto “High sein ohne Drogen“.

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Jenke von Wilmsdorff ist ein Fernsehjournalist, Autor und Schauspieler, der unter anderem über die von Brigit Schrowange moderierte TV-Sendung “Extra– Das RTL-Magazin” bekannt wurde. Von Wilmsdorffs Haltung zum Thema Angst und Grenzerfahrungen veröffentlichte er 2014 in seinem Buch Wer wagt, gewinnt: Leben als Experiment. Jenke – wie er Millionen Zuschauern mit Vornamen bekannt wurde – geht in der “Drogen”-Sendung auf’s Ganze: MDMA/eigentlich MDAI, Ko-Tropfen, LSD, Ritalin. Und das alles in einer Sendung. Geht das also, darf er das? Er darf, wenn als Ergebnis der Infotainment-Sendung eine kritische Distanz zu den Themen und Akteuren und eine gesellschaftspolitische Perspektive erkennbar wird. Gelingt es durch Jenke von Wilmsdorffs Sendung die Diskussion über “Drogen” auf irgendeine Weise zu vertiefen, zu versachlichen, in sinnreicher Weise auf die Tagesordnung zu heben? Oder verbrennt sich die Sendung etwa in sensationalistischer “Grenzüberschreitung”? Die allerdings ist kein Wert an sich. Die Frage an das Format lautet demnach: stimmt die Dosis an kritischer Auseinandersetzung und Bewertung in einem RTL-Sendungsumfeld, in dem es vielen Zuschauern vielleicht mehr um das das heiße Gefühl im Bauch, den Nervenkitzel und Unterhaltung geht? In den Alkohol- und Cannabis-Sendungen ist das weitestgehend gelungen.

Henrik Jungaberle: “RTL hat mich über “High sein. Ein Aufklärungsbuch“, das ich 2015 mit Jörg Böckem zusammen geschrieben habe, angesprochen. Das Buch versucht einen radikalen Bruch mit der Ängstlichkeit und Verdruckstheit, die in der Präventionsszene und den Medien gegenüber Drogen vorherrscht. Gerade in TV, Radio und Prinzmedien wird aus strategischen Gründen – vorgeblich um Jüngere und Schwächere zu schützen – manchmal auch gelogen; die Schäden von Drogen werden ihrem Nutzen nicht gegenübergestellt; die Schäden werden nicht in Relation zu den Schäden anderer Risikoverhaltensweisen gestellt (Risikosportarten, Infektionskrankheiten, Sexualpraktiken, Medikamentengebrauch usw.).
Ich kenne zu diesem Zeitpunkt die ganze “Drogen”-Sendung noch nicht und habe deshalb noch keine Ahnung, ob der ganze Zusammenhang der Experimente funktioniert. Aber ich bin sehr optimistisch: es sollte möglich sein, eine Geschichte über diese Substanzen zu erzählen, die nicht nur von neurowissenschaftlichen Einblicken ins Gehirn oder Drogentoten lebt, also mit Wissenschaft oder Schrecken argumentiert, sondern mit der subjektiven Erfahrung eines Reporters. Jenke von Wilmsdorff ist hier bisher das meiste hervorragend gelungen.
Skeptisch war ich allerdings von Anfang an, ob man so unterschiedliche Experimente und Drogen wie hier geplant zusammenpacken kann – ohne dass die Differenzierung untergeht (denn was haben KO-Tropfen mit einer quasi-therapeutischen Selbsterfahrung mit LSD gemeinsam? Klar: es sind psychoaktive Substanzen, die in irgendeiner – allerdings sehr verschiedener – Art und Weise Wahrnehmung, Erleben und Verhalten verändern). Es gibt durch die Vielzahl an Experimenten eine gewisse Gefahr, dass am Ende doch wieder die “bösen Drogen” im Mittelpunkt stehen und nicht unser kultureller Umgang mit einem emotional und irrational aufgeladenen Thema, das Risiken und Chancen zugleich bietet?
Jenkes Haltung während der LSD- und Atem-Experimente habe ich allerdings als authentisch, frisch und interessiert, als selbst- und gesellschaftskritisch erlebt – und natürlich auch auf den Effekt abzielend. Das ist nicht zwingend ein Widerspruch. Er lässt sich auf Dinge ein, erfährt gerne und denkt mit seinen Gesprächspartnern darüber nach, wie alles einzuordnen ist und besser laufen könnten. Ich bin sehr gespannt, was Jenkes “Drogen”-Sendung am Ende kann und anstößt. Klar bringt das Thema wohl Quote, aber bringt es auch den verändernden Aha-Moment bei dem ein oder anderen?

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

In Folge 2 dieses Blogposts berichte ich über das eigentliche LSD-Experiment und was dabei wirklich geschehen ist. In der Sendung werden etwa 10 h Erfahrung auf 9 min Sendezeit geschnitten. Wie kam es zu den beiden seltsamen Szenen am Ende, bei denen Jenke mich als Begleiter einmal mit seinem Sohn “verwechselte” und das andere mal paranoid vor mir und dem Toxikologen Volker Auwärter davon rannte? Ist das als pathologisch zu bewerten und ist es eine typische Gefahr von LSD-Erfahrungen?

Henrik Jungaberle und Andrea Zeuch begleiten Jenke von Wilmsdorffs Atem-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Andrea Zeuch begleiten Jenke von Wilmsdorffs Atem-Experiment (RTL)

In Folge 3 erzählen Andrea Zeuch und ich, was beim Atem-Experiment geschah, wie das wilde Geschehen überhaupt zu erklären ist und wozu man so etwas machen sollte (oder nicht). Das Atem-Experiment ist als Teil eines etwa acht Stunden dauernden Workshops zu bewerten, den wir mit Jenke und drei weiteren Menschen durchgeführt haben. Das waren wiederum verkürzte Teile unseres “Integrations-Workshops”, bei dem es um die sinnvolle und ernsthafte “Integration” psychedelischer Erfahrungen in den Lebensalltag geht; um Achtsamkeit; um Problemlösung; um ästhetische Wahrnehmung und alltagstaugliche Lebenskunst. Das im RTL-Beitrag hervorgehobene Atem-Experiment ist im Rahmen des Workshops vor allem als eine kleine Auffrischung für das Gehirn zu verstehen: damit man sich an die nicht-rationalen Anteile der eigenen Persönlichkeit erinnert und diese Funktionsweise des eigenen Selbst für einen ganzheitlicheren Zugriff auf die eigenen Ressourcen nutzen kann.”

 

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The UN General Assembly is concerned with International Drug Policy in April 2016

“I believe that drugs have destroyed many lives,
but wrong government policies have destroyed many more.”
Kofi Annan, ehemaliger UN-Generalsekreträr

The Wind of Change still blows calmly, but it blows. For the first time since 1998 the General Assembly of the United Nations (UNGASS) is concerned with the worldwide drug problem. And for the first time there is a real chance for a substantial change in the disastrous worldwide drug policies. Let’s not expect that the UNGASS will call for a revolution. This body is far too much oriented towards consensus and diplomatic balance for such a step. But very close to the surface there is big change going on, particularly within the UNODC, an organisation that for decades has been the spearhead of US-American-led “war-on-drugs” policies. But now it begins to collect and discuss evidence for a better, evidence-based drug policy. The unity in the war on drugs has crumbled. Too devastating are the results and side-effects. Side-effects of what? Of the attempt to solve a health problem with the means of criminal law.

The UNGASS special session meets in five round tables from April 19th-April 21st. It deals with the following aspects:

  1. Drugs and health: Demand reduction, including prevention and treatment, as well as health-related issues; and ensuring the availability of controlled substances for medical and scientific purposes
  2. Drugs and crime: Supply reduction and related measures; responses to drug-related crime; and countering money-laundering and promoting judicial cooperation
  3. Cross-cutting issues: drugs and human rights, youth, women, children and communities
  4. Cross-cutting issues: new challenges, threats and realities in preventing and addressing the world drug problem in compliance with relevant international law, including the three drug control conventions; strengthening the principle of common and shared responsibility and international cooperation
  5. Alternative development; regional, interregional and international cooperation on development-oriented balanced drug control policy; addressing socioeconomic issues

Of course it’s not the first time in the history of the 55-year-old history of the UN-Drug Control Treaties, that substantial critisism over the success of the treaties emerges. Yet never before this criticism has been expressed by such a number of circles bound to be taken seriously. Among these are top-ranking politicians, former presidents and figures of public life – and even more important at the moment – if not the most important – medicial expert boards vote for policy chance. Ranking among those circles are the Global Commission on Drug Policy – including among others the former Secretary General of the UN, Kofi Annan, the conservative former US Secretary of State George Shultz, human rights politicians like Luise Arbour, bankers like John C. Whitehead and entrepreneurs like Richard Branson. Is is merely a matter of accident that this commission does include Swiss members, but not a single German? Possibly this expresses the deplorable state of German drug policy discussion – often caught in the treadmill of moralism, naiveté, fear of the drug demon and misconceived “hardness” on drugs (“to-be-hard-on-drugs” still seems to be a demand often expressed by journalists when it comes to interviewing US-presidential candidates).

With The Lancet one of the most important medical journals invokes a clear call for international policy reform. Issue 387, April 2nd 2016 is dedicated to the results of the Johns Hopkins–Lancet Commission on Drug Policy and Health. Hard to imagine that a serious drug politician will get around these arguments (and how about the abilitities of – German and others – prosecutors and judges in expressing conclusive arguments for their pofessional view on drug laws?). Already a UN-internal assessment of progress in achieving the aim of a “drug free world” came to the conclusion that millions of people had to be added as consumers of heroine, cocaine, amphetamine-like substances or cannabis since 1998. “A drug free world – we can do it!” used to be the counter-productive motto of the UN general assembly on the drug problem hosted in 1998. More “hardness”, policing, juridical and military “consequence” doesn’t lead to an improvement in drug problems, much less to reduction of drug use (demand).

“This report showed that prohibition as a policy has failed dismally. (…) it is time for
UNGASS to put health at the centre of reassessing and reforming international drug policy”
The Lancet Commission

Suggestions that can be read in this report all point to further decriminalisation of use and possession, supply of medical resources, abolishment and reduction of penalities for minor offenses – those policies that are the basis of incarceration of millions of people. Incarceration that deteriorated the problems and ruined the health of numerous humans. Indeed a human rights issue – or drama.

Presumably the German delegation will adopt a moderate attitude, voting for a pragmatic health-oriented policy – without finding the courage for fundamental, game-changing reforms. This would require serious political discussion in German parties and the Bundestag – something that is usually avoided due to permanent election campaigning. These are some of the basic things that need to be demanded from politicians and journalists concerned with drug policy issues:

  • Talk to each other about drug policy beyond party limits and on the platform of health policy
  • Take notice of experts’ arguments
  • Stop reducing drug policy to moralisms. Alcohol and drug consumers are not bad people (at least not because of their use)
  • Stop fantasizing about a drug free world
  • Take consumers’ health as serious as those of abstinent citizens (of which we hardly have any, considering that alcohol and tobacco should be considered a drug)
  • Take this serious: alcohol is a drug
  • Say Goodbye to failed benchmarks of success: if you consider supply and demand reduction the single benchmark of drug politicy – not a lot will improve

The latter needs to be elaborated: the fact that alcohol or cannabis consumption drops or rises by 5 percentage points is often the (only) criterion for reports of success or failure in drug policy. This is the wrong way – having been initiated by the 1961 Single convention – and completing those demand and supply measures should be a number one priority for drug policies. Otherwise politicians build their own prisons.

“To meaningfully evaluate illicit drug policies, then, indicators that measure so-called real-world outcomes of relevance to communities need to be prioritised. Fortunately, robust and detailed indicators have been developed to assess a range of impacts of drug policies on community health, safety, development, and human rights.”
Lancet 2016: A call to reprioritise metrics to evaluate illicit drug policy

This is all about measures like hepatitis-C-infections or criminal statistics – not only about the if and how much of drug use.

Personally I am very happy that our young organisation FINDER is able to send a representative to UNGASS 2016: Maximilian von Heyden. We are looking forward to his reports.

Further resources

Cannabis-Modellantrag bringt Bewegung in Drogenpolitik

Vor einigen Tagen wurde der Antrag des Berliner Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg, einen Modellversuch zur Regulierung des lokalen Cannabismarktes durchzuführen, abgelehnt. Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat dies in einem Schreiben nun ausführlich und interessant begründet. Neben formalen Gründen für die Ablehung wird hier inhaltlich vor allem genannt: “Der Verkauf von Cannabis zu Genusszwecken ist mit dem Schutzzweck des BtMG nicht vereinbar.” Eigentlicher Zweck des Antrags war es vor allem, die Durchführung des Jugendschutzes wieder oder besser gewährleisten zu können. Die derzeitige Situation über eine gesetzlich geregelte Prohibition bei faktischer Tolerierung der Konsumpraxis vieler BürgerInnen führt aus Sicht der Kommune zu einer nicht bewältigbaren Situation. So könne beispielsweise der Präventionsauftrag der Kommune nicht erfüllt werden.

Damit befinden wir uns im Kernstück der Debatte um “rekreationalen” versus “medizinischen Gebrauch” – und die Frage, was öffentliche Gesundheit eigentlich ist. Auf dieser Unterscheidung zwischen Genuß und medinischem Gebrauch sind die internationalen Verträge zur Kontrolle des Verkehrs von psychotropen Substanzen seit den 1960er Jahren aufgebaut. Es ist gut, dass deren Interpretation und Umsetzung zum ersten Mal seit Jahrzehnten diskutierbar ist. Dafür verantwortlich sind sicher die Veränderungen in den USA und Stimmen, wie die der Global Commission on Drug Policy, allen voran des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan. Es geht in der Drogenpolitik nicht mehr nur um die identitätspolitische Abstrafung des politischen Gegners. Das ist der eigentliche Gewinn des (ersten) Antrags für einen Modellversuch, der bundesweit und international in der Presse diskutiert wurde. Und es geht auch nicht, ohne dass man die Rolle von “rekreationalem Gebrauch”, von Genuß neu definiert. Drogen sind auch “Suchtmittel”, aber sie sind es nicht nur: Lebensmittel, Genußmittel zum Beispiel, bei denen Verbraucherschutz und Qualitätskontrolle eine große Rolle spielen, weil sie Risiken mit sich bringen.

Ohne auf die einzelnen Argumente in diesem konkreten Ablehnungbescheid hier einzugehen, geht es mir hier um Folgendes:

  • Es geht in einer verantwortungsvollen, von einem funktionierenden Staatswesen durchgeführten Drogenpolitik immer um Regulation für alle gesellschaftlichen Gruppen – um die Form von Regulation, unabhängig davon, ob diese einen prohibitionistischen Schwerpunkt hat, gesundheitspolitische oder die zivilgesellschaftlichen Instrumente in den Vordergrund stellt.
    Deshalb ist es falsch, drogenpolitische Alternativen vor allem unter dem Stichpunkt “Liberalisierung” zu diskutieren. Es geht beispielsweise nicht nur um die Interessen der Konsumierenden (aber auch), sondern eben um einen Ausgleich zwischen den widersprüchlichen Interessen verschiedener sozialer Gruppen: Eltern, Kinder und Jugendliche, Produzenten und Verkäufer, Ärzte, Suchthilfe usw.  Es geht um Ängstliche und Mutige, Risikofreudige und Vulnerable.
    Diesen Ausgleich als Form von öffentlicher Gesundheit zu definieren ist ziemlich schwierig und wird immer zu Widersprüchen führen. Was aber gar nicht geht: auf der Basis von Einzelfällen zu argumentieren. Es wird immer Menschen geben, die mit bestimmten Drogen (aller Art) gar nicht oder sehr gut klar kommen. Das ist gar nicht wichtigste Frage.
  • Man kann deshalb nicht nur auf die Stimmen von Einzelgruppen hören: besorgte Eltern, konsumkompetente Erwachsene, Abhängigkeitskranke usw. sind nicht der einzige Maßstab. Es ist die Aufgabe von Presse, das zu zeigen. Im Umfeld unseres Buches “High sein. Ein Aufklärungsbuch” haben wir Autoren erlebt, dass es inzwischen möglich ist, mit vielen Journalisten eine auf Argumenten basierende Diskussion über Drogenpolitik zu führen. Das ist Fortschritt.
    Dieses Buch stellt übrigens auch den Versuch dar eine Sprache zu schaffen, mit der man über gelingenden und misslingenden Umgang mit Drogen wie Alkohol, Cannabis und Co. sprechen kann – ohne einzig auf die Schubladen der Suchtmedizin zurückgreifen zu müssen.
  • Es geht sogar noch weiter: Öffentliche Gesundheit ist nur ein Teilaspekt von Drogenpolitik. Nicht nur in Asien und Südamerika destabilisiert die derzeitige Regelung ganze Staaten. Es geht um innere Sicherheit, Bestechung und Regierbarkeit. Um Vertrauen von Menschen in die Sicherheit ihrer Lebensumwelt und Unparteilichkeit der Polizeibehörden. Und ach ja: auch in einer Drogenpolitik, die nicht-prohibitionistisch ist, wird die Polizei eine wesentliche Rolle spielen. Denn auch dort wird es Schwarzmärkte und kriminelle Organisationen, Verantwortungslose und Vulnerable geben.
    Das alles gilt besonders für die Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Union. Drogenpolitik darf hier inzwischen Gesundheitspolitik, Sozial- und Innenpolitik werden – und zum Vorbild für andere Staaten, die noch im drogenpolitischen Militarismus feststecken. Sie taugt nicht mehr zum Symbol für Werthaltungen (rechts, links, weltoffen, bieder). Aber das dauert vielleicht noch einige Zeit?
  • Schule und Evidenzbasierung. Es ist für einige vielleicht überraschend, aber es gibt in Deutschland keine systematische Präventionspolitik für das Bildungssystem. Über Schule erhoffen man sich einen frühzeitigen Zugang zur ganzen Breite der Bevölkerung. Ein paar evidenzbasierte Programme werden an wenigen Schulen mit leidlicher Stetigkeit durchgeführt. Ansonsten regiert das Durchwurschteln. Nirgendwo ist Implementationsbreite erreicht. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir Bildungspolitik in sechzehn Bundesländern denken. Und damit, dass im Studium von Lehrkräften, “Gesundheit” nicht als Auftrag von Schule vermitteln wird. Dann bleiben für diese in den Landesgesetzen schon definierte Aufgabe nur noch die überengagierten Einzelkämpfer. Die orientieren sich allerdings sehr selten an Bewährtem, sondern kochen eher mit kreativen Konzepten.
    Zu fordern ist hier: mehr Platz für “Gesundheit” und “soziale Kompetenzen” in den Schulen. Mehr Ausbildung, mehr Struktur, mehr Partizipation der Zivilgesellschaft. Aber vor allem auch: mehr Evidenzorientierung und Implementation. Das passt auch in eine Schullandschaft, die sich durch massive Migration stark verändert. Platz dafür in den Schulen! Werden die Mittel des jünst verabschiedeten Präventionsgesetzes auch dafür eingesetzt? Das weiß noch keiner.

Das alles sind wichtige Aspekte der drogenpolitischen Diskussion, die durch den mutigen Antrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg wesentlich mit beeinflusst wurde. Worum geht es jetzt?

Weiter diskutieren. Entskandalisieren. Sachlicher werden. Alle Parteien in die Auseinandersetzung drängen. Allen gesellschaftlichen Gruppen zuhören, die Unterschiede zwischen einer Großstadt wie Berlin und ländlichen Regionen beachten – aber das Einzelinteressen übergreifende Ganze sehen. Genuß, Abhängigkeit und Profitinteressen im Zusammenhang betrachten. Und Wissenschaft mit einbeziehen – die hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz schön rausgehalten aus der Debatte um Drogenpolitik. Und deren vergleichende Messung – die ist nämlich möglich und muss sich keineswegs nur am engen Korsett der Reduktion von Angebot und Nachfrage orientieren.
Und eines ist Voraussetzung für eine rationale Diskussion: wer noch immer Maximallösungen wie “eine drogen- oder suchtfreie Gesellschaft”, “kein Jugendlicher soll mehr Drogen wie Alkohol, Tabak oder Cannabis konsumieren” als Ziel setzt, der betreibt esoterische Traumtänzerei. Das gleiche gilt für die Meinung, das derzeitige Regulationsmodell sei “alternativlos”. Das ist nicht “moralisch”, sondern realitätsfern. Es geht auch hier um die bestmögliche, nicht um eine ideale Welt. Jede Regluationspolitik im Drogenbereich wird auch negative Effekte wie Konsumanreize für vulnerable Gruppen produzieren. Aber welche Regulationspolitik ist besser?

Es geht jetzt nicht nur um die Interessen eines Cannabis-affinen Berliner Stadtteils, sondern um Einstieg. Nicht in den Konsum, sondern in den Wettbewerb um die besten Regulationsideen und die Erweiterung der drogenpolitischen Instrumente. Um Regulation. Der Antrag des Bezirksamts war ein Erfolg. Weiter so.

Green listed … REBOUND in “Grüne Liste Prävention” aufgenommen

The Life Skills Programme REBOUND has been newly listed in this important German prevention register:

http://www.gruene-liste-praevention.de/nano.cms/datenbank/programm/88


Das REBOUND Life Skills Programm für junge Menschen und ihre Begleiter ist jetzt auch in die Grüne Liste aufgenommen worden. Wir freuen uns über diese Anerkennung. Derzeit bemühen wir uns genug Pädagogen weiterzubilden um 2016 oder 2017 eine zweite Evaluationsstudie durchführen zu können.


Weiterbildungskurse für Pädagogen, LehrerInnen, Jugend-, Sozial- und Suchthilfe können Sie über die FINDER Akademie buchen.

Finder @ Breaking Convention 2015 – More than an in-group meeting

Psychedelic Science and Therapy are integral interests of several members of FINDER, especially those committed to research.
Firmly rooted in the principles of harm reduction and an integrative approach to substance use, we try to promote an open, unbiased view on psychoactive substances.

Last weekend five of us participated in the largest gathering of like-minded people here in Europe: Breaking Convention, a multi-disciplinary meeting of more than 800 people at the University of Greenwich, London.
The program ranged from hard-core scientific presentations on fMRI brain mapping under the influence of LSD, drug politics and legalisation issues and current development in MDMA therapy studies to film presentations and performances.
A kaleidoscope of topics and ideas.

Our contribution was a presentation of a model on Integrative Use of Psychedelic substances that was presented by Dr. Henrik Jungaberle and Dr.med. Andrea Zeuch.
Based on first scientific data, it is designed to allow for unprejudiced understanding and communication on the issue of drug use without the subtle stink of immanent addiction and destruction that comes with most notions on psychedelics in public discourse.

Not every drug use is automatically addictive or destructive – as public opion permanently tries to suggest. And beyond the idea of every intake of psychedelics being automatically problematic and dangerous, there lies a whole field of unproblematic and beneficial use- with a range from therapeutic use in controlled professional contexts to creativity increase.

In a period of time where both drug decriminalization/legalisation on one hand and sharper restrictions (such as the planned Psychoactive Substance Act banning even every future Psychoactive substance in the UK) are in place, bringing together all who can speak in favour of a rational and evidence-based approach to psychoactives is of utmost importance.

The credibility of refined scientists like David Nutt helps immensely to bridge the gap between activists and the general public, helping to turn the public opinion in favour of such crucial projects like MDMA-assisted trauma therapy for PTSD that would not have stood a chance 20 years ago.
But today they are being implemented – mainly in the United States, but also in Switzerland and Israel. With groups of therapists and scientists in countries preparing to follow suit, for example in Australia or in Germany, where FINDER is part of such an attempt in cooperation with MAPS.

Having been a most inspiring and informative event, Breaking Convention has provided all of us with new motivation, energy and ideas to work towards a paradigm change on Psychedelic Substances fit for the 21st century.

Was ist eigentlich ein “integrativer Umgang” mit psychoaktiven Substanzen?

Integrität, Integration und Rausch: geht das zusammen? Natürlich, wir sollten nur anfangen unaufgeregt und ehrlich darüber zu reden.
Zu unserem Forschungsprogramm in FINDER gehört es, “integrative Formen” des Substanzkonsums zu beschreiben. In einem Gastbeitrag auf ZEIT Online habe ich kürzlich geschrieben, dass “kontrollierte Formen” des Umgangs mit psychoaktiven Substanzen – neben problematischen und abhängigen – weit verbreitet sind. Ja, aber kontrolliert heißt eben vor allem “nicht-abhängig”, das sagt noch wenig über deren Nutzen und Qualität.
Hier eine Arbeitsdefinition von “integrativem Gebrauch von psychoaktiven Substanzen”.

Definition

Integrativer Gebrauch einer psychoaktiven Substanz ist ein langfristiger, nutzbringender Gebrauch, der die Befähigungen eines Menschen erhält oder verbessert.
Bei dieser Art von Gebrauch sollen die Veränderten Bewusstseinszustände intentional dazu genutzt werden, um ein Individuum oder das soziale Leben einer Gruppe zu verbessern, zu entwickeln oder zu heilen.

Daraus ergeben sich eine Reihe offener Fragen:
Was ist integration?
Was heißt langristig?
Wer sagt eigentlich, was nutzbringend ist?
Bei welchen psychoaktiven Substanzen ist das möglich oder wahrscheinlich?
Was sind Befähigungen?
… mehr dazu in den nächsten Wochen.

Weiterführende Literatur für wissenschaftlich interessierte Leser

Schippers, G. M., & Cramer, E. (2002). Kontrollierter Gebrauch von Heroin und Kokain. Suchttherapie, 3(2), 71–80. doi:10.1055/s-2002-28491

Fiorentine, R., & Hillhouse, M. P. (2003). Replicating the Addicted-Self Model of recovery. Addictive Behaviors, 28(6), 1063–1080. doi:http://dx.doi.org/10.1016/S0306-4603(02)00231-9

Kolte, B., & Schmidt-Semisch, H. (2005). Kontrollierter Drogenkonsum: Ein prekäres Paradigma? In A. Legnaro  Schmieder, A. (Ed.), Kontrollierter Drogenkonsum – Drogenkonsum als Lebenskontrolle, Jahrbuch Suchtforschung, Bd.5. Münster, Hamburg, London: LIT Verlag.

Jungaberle, H. (2006). Rituale und Integrationskompetenz beim Gebrauch psychoaktiver Substanzen. In H. Jungaberle, R. Verres, & F. DuBois (Eds.), Rituale erneuern – Ritualdynamik und Grenzerfahrung in interdisziplinärer Perspektive. Gießen: Psychosozial Verlag.

http://henrikjungaberle.com/2015/06/11/fortschritte-in-der-drogenpolitik-und-suchtmedizin-kontrolle-beim-drogengebrauch-ist-gut-aber-genugt-das/