Fotokunst aus "High sein. Ein Aufklärungsbuch" von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. Fotos von Fabian Hammerl und Kathrine Uldbaek Nielsen

Fortschritte in der Drogenpolitik und Suchtmedizin: Kontrolle beim Drogengebrauch ist gut. Aber genügt das?

Beim Umgang mit dem Drogenproblem gab es in den letzten Jahren echte Fortschritte. Wir dürfen jetzt beispielsweise sagen, dass Alkohol und Tabak Drogen sind. Cannabisprodukte können schon einmal zu medizinischen Zwecken verschrieben werden. Abstinenz ist nicht mehr das einzige Ziel von Suchtbehandlung. Und Schwerstabhänige dürfen und sollen überleben. Junge und ältere Menschen dürfen zusehends über ihre Wege und Irrwege in der Öffentlichkeit berichten.

Wir befinden uns vielleicht auf einem Weg zu mehr gesellschaftlicher Vernunft, Moralisieren ist auf dem Rückzug, Realitätssinn angesagt. Am Horizont tauchen neue Politiken auf, die sich auf Belege stützen wollen und das fehlerhafte Prohibitionssystem mit seinen riesigen negativen Nebenwirkungen korrigieren könnten.
Aber auf welche Belege? Wissenschaft spricht bekanntlich selten mit einer Stimme. Werturteile fließen schon in die Konzeption von Untersuchungen ein. Jahrzehntelang wurde beispielsweise kaum über kontrollierte Formen von Drogengebrauch, Selbstausstieg und Selbstheilung geforscht. Es wäre gefährlich für die akademische Karriere gewesen. Internationale Behörden wie die UNODC und einige wissenschaftliche Journals – wie früher „Addiction“ – achteten penibel darauf, dass nie von „Gebrauch“ die Rede war, sondern immer von Missbrauch und Abhängigkeit (misuse, abuse, dependence).

Zwei kleine Schritte würden – unter vielen anderen – helfen, um uns politisch, wissenschaftlich und in der gesellschaftlichen Debatte weiterzubringen. Wohlgemerkt: dabei weiterzubringen, die Schäden zu minimieren und den Nutzen dieser wirtschaftlich bedeutenden Risikogüter zu maximieren.

Kontrollierter Gebrauch muss teil des Drogen- und Suchtberichts werden

1. Es ist wichtig, zu wissen, dass es (vermutlich) bei allen Substanzen, auch jenen mit dem höchsten Sucht- und körperlichen Bedrohungspotential keine Einbahnstraße in die Sucht gibt. Das ist das herrschende Klischee: beginnst du, bist du am Ende (und das Ende ist ja immer Sucht, allerdings immer nur bei den illegalisierten Drogen). Das dem nicht so ist zeigen eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen, trotz des „Suchtgedächtnis“. Menschen konsumieren vielmehr äußert unterschiedlich wie diese simple Grafik zeigt, die in Anlehnung an Morningstar & Chitwood (1983) entstand.

Der Umgang mit Alkohol, Cannabis und Co. ist keine Einbahnstraße in die Abhängigkeit. Bereits in den 1980 Jahren haben Morningstar und Chitwood (1983) in einer einfachen Grafik gezeigt, wie unterschiedlich Menschen konsumieren - inklusive Eskalation und Wiederausstieg zur Abstinenz. Das gilt in unterschiedlicher Art für (vermutlich) alle bekannten Substanzen.

Der Umgang mit Alkohol, Cannabis und Co. ist keine Einbahnstraße in die Abhängigkeit. Bereits in den 1980 Jahren haben Morningstar und Chitwood (1983) in einer einfachen Grafik gezeigt, wie unterschiedlich Menschen konsumieren – inklusive Eskalation und Wiederausstieg zur Abstinenz. Das gilt in unterschiedlicher Art für (vermutlich) alle bekannten Substanzen. Quelle der veränderten Grafik: Ullrich-Kleinmanns, Jens. (2009). Eskalation und Deeskalation im Umgang mit Drogen – Theorie und Empirie zu Gebrauchsmustern psychoaktiver Substanzen im Jugendalter. (Dr.sc.hum. Originalarbeiten), Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Was wir brauchen: Formen von kontrolliertem Gebrauch bei allen gängigen Substanzen zu messen und zu beschreiben. Sie sollten verbindlich definiert werden und Teil der jährlichen Berichterstattung im „Drogen- und Suchtbericht“ werden. Denn das Glas ist auch halb voll, nicht nur halb leer. Risikobotschaften lassen sich auch vermitteln, in dem man zeigt, dass die Anzahl kontrollierter Konsumformen bei einigen Substanzen sehr gering ist. Gleichzeitig vermittelt diese Glaubwürdigkeit gegenüber den User-Gruppen. Und es demoralisiert Menschen auf der Kippe nicht wie das gängige „Suchtparadigma“ das oft tut.

Kontrolle genügt nicht: es geht um Integrität und Integration

2. Kontrolle beim Umgang mit Alkohol, Cannabis, LSD, Methamphetamin und Co. ist nicht genug. So bleibt man immer noch dem „Suchtparadigma“ verhaftet, also der Vorstellung, Rausch und die Substanzen, die ihn auslösen können seien in ihrem Wesen schlecht, böse, ungesund und moralisch fragwürdig. Wir brauchen eine positive Vorstellung vom „guten Rausch“ – so wie wir das bei anderen Risikoverhaltensweisen auch haben: gutes Bergsteigen, guter Sex, gutes Auto- und Skifahren, gute Beziehungen. Auch wenn das bei einigen Substanzen, manchen Milieus und vielen Personen dazu führt, dass wir sagen müssten: das war nicht … so gut. Das Glas ist nämlich auch halb voll, nicht nur halb leer. Es gibt sie zu hauf, die positiven Formen von Rausch. Wir reden nur nicht darüber und wenn, dann benutzen wir oft eine defizitäre „Jugendsprache“ (wie sie in den Innen-Covern unseres Buches „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ so schön dargestellt wird). Wer aber kein Positives vor Augen hat, kein Ziel, der wird nicht viel lernen.

Mein zweiter Vorschlag lautet also ganz schlicht: lasst uns den Konsum aller Substanzen auf einem ganzen Spektrum von Wirkungen anordnen und bewerten. Integrativer Gebrauch ist langfristig nützlich und dabei wenig oder unschädlich, er steigert die Fähigkeit zu lieben und zu arbeiten (im hier einmal Sigmund Freud zu zitieren), statt sie zu reduzieren oder nur bis zum burnout zu stabilisieren.

Spectrum of Psychoactive substance use

Diese spezifische Grafik stammt aus einer Publikatoin von Ken Tupper (2003). Entheogens & Education: Exploring the Potential of Psychoactives as Educational Tools. Journal of Drug Education and Awareness 1/2. p 145-161. Es existieren zahlreiche Darstellungen des Spektrums von Substanzgebrauch, die allerdings meist den Positiv-Pol auslassen.

Um über die richtige Art des Umgangs sprechen zu lernen und unsere gesellschaftliche Verdruckstheit zu beenden, braucht es deshalb die Fähigkeit über positive, integere und integrative Formen von Rausch zu sprechen. Zu allererst bei Alkohol, dann auch bei allen anderen Substanzen, die Wahrnehmung und Erleben verändern. Lassen wir diese jüngeren Leute, die hier auf ZEIT Online und in „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ berichten, nicht allein. Reden wir. Aber über alles.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.