Die öffentliche Diskussion über RTL und Jenke von Wilmsdorffs Drogen-Experimente ist gut. Aber jetzt ist tief Luftholen dran

HIGH SEIN. Ein Aufklärungsbuch„Das Jenke Experiment: Drogen“ ist in seinen Teilaspekten interessant, aber als Ganzes gründlich missraten. Die Sendung bietet jedoch Anlass für zukunftsgerichtete Fragen über die Verantwortung von Medien in der Drogenberichterstattung und die journalistische Ethik. RTL muss dazu lernen (oho), Journalisten ihren Recherchepflichten nachgehen (ja) – und Jenke den Mut finden, seine eigene Sendung fundamental in Frage zu stellen. Ich weiß nicht, ob er das kann und will. Die entscheidende Frage für die Öffentlichkeit lautet:

„Wie schaffen es wissenschaftliche Ergebnisse (zu Drogen-Berichterstattung oder Drogenpolitik) in die Köpfe von Journalisten und Entscheidungsträgern in den Sendeanstalten vorzudringen?“

Ich wende mich nicht gegen die Selbst-Experimente von Jenke. Das zu machen ist interessant und ethisch nicht bedenklich, deshalb habe ich mich beteiligt. Es geht um das WIE und das ZIEL. Jenke hat das Ziel verpasst, einen kritischen Debattenbeitrag zu leisten. Es herrscht in der Personengruppe der Journalisten und Entscheider durchaus die Meinung vor: zu Drogen(berichterstattung) sei schon alles gesagt und gewusst. „Schreck die Leute mit Horrorgeschichten ab, dann bist du auf der sicheren Seite“. Weit gefehlt.
Heute interessiert mich der letzte Teil der Sendung, in dem ich gemeinsam mit Dr. med. Andrea Zeuch ein Trance-Experiment mit nichts als tiefem Atmen begleitet habe. Wozu?

Komische Bewegungen und verzerrte Gesichter: soll ich mich fremdschämen, lachen oder ängstigen?

Trance WorkshopIn „Das Jenke Experiment: Drogen“ sieht man wie der Moderator und Schauspieler im Rahmen einer kleinen Gruppe einen heftigen „Rauschzustand“ ohne Einnahme von psychoaktiven Substanzen erlebt. Unwillkürliche Körperzuckungen, rhythmische Bewegungen, die Assoziationen an epileptische Anfälle oder Geschlechtsverkehr aufsteigen lassen. Pfötchenhände oder Verformungen der Mundpartie wie beim Hyperventilieren. Scheinbare Desorientierung im Raum.
Das sieht irre aus – vor allem ohne Kontext, der von RTL komplett getilgt wurde. Es kann allerdings eine sehr wertvolles Erlebnis sein, bei dem es sowohl um Introspektion (mit oft heftigem Gefühlserleben) als auch um Katharsis geht.
Das Atem-Experiment ist Teil eines Trance Workshops, den wir für Menschen entwickelt haben, die ihre Introspektion vertiefen und den Umgang mit Rauschzuständen mit und ohne Drogen einüben und verbessern wollen. Das Atem-Experiment ist im übrigen Teil unserer „Trance Integration Practitioner“-Weiterbildung, die sich an Selbsterfahrungsinteressierte und Professionelle richtet. Es geht beim Konsum von psychoaktiven Substanzen und solchen Trancemethoden darum Zustände von Trance/Rausch/High sein/Verändertem Wachbewusstsein in ein funktionierendes Alltagsleben zu integrieren.
Die Methode ist gesundheitlich harmlos, wenn sie von stabilen Menschen in einem gut geplanten Umfeld durchgeführt wird – aber sie ist auch äußerst wirksam. Ohne eine Ökologie von Ideen darum herum passiert allerdings nicht viel: wieder einmal geht es um Set-und-Setting. Um Motive und Umfeld. Deshalb der Workshop-Kontext.
Fremdschämen muss man sich nicht: na ja, wenn gerade ein Feierabendbier auf dem Sofa genießt, während andere aus unsichtlichen Gründen hecheln wie bei einem olympischen Wettbewerb, kann das komisch oder befremdend wirken. Das verändert sich, wenn man Motivation und Sinn des Ganzen kennt.

O2 statt Monsterdroge und trotzdem irre?

Im RTL-Schnitt ist natürlich dieser sinngebende Kontext rausgeschnitten worden. Die Vorübungen zum Atem-Experiment werden ausführlich gezeigt, dann das Atmen. Es gelingt RTL also das bisschen Luft, das die Workshopteilnehmer geatmet haben, wie die Wirkung einer „echten Monsterdroge“ erscheinen zu lassen. Irre war wichtig.

Wie das Atem-Experiment funktioniert und wozu

High sein ohne Drogen Der Trance Workshop„High sein ohne Drogen“ ist möglich wie Jenke am Ende der Sendung sagt. Es ist ein natürliches und gesundes Bedürfnis, den eigenen Bewusstseinszustand verändern zu wollen. Im Fernsehausschnitt funktioniert das über heftiges und vertieftes Einatmen, das körperlich zu einer ungefährlichen, willentlich herbeigeführten Hyperventilation führen kann. Mehr Sauerstoff als normal befindet sich im Blutkreislauf.

Da Menschen sich mit Entspannung und Humor, Lockerung und Lachen besser auf diesen Prozess des „immersiven Atemens“ einlassen können, haben wir Yoga- und theaterpädagogische Übungen vorgeschaltet. Im eigentlichen Atemteil spielen wir dann heftige evokative Musik: Elektro und Klassik meist. Unsere Methode ist nicht identitsch mit dem Holotropen Atmen und keine Psychotherapie. Man sollte Respekt vor der häufig starken Wirkung des „immersiven Atmens“ haben. Warum könnte man das tun wollen?

  • Inspiration: Um sich in einen Zustand für neue Ideen zu bringen
  • Introspektion: Um sich selbst neu zu begegnen und persönliche Veränderungsimpulse zu unterstützen
  • Katharsis: Um eigenes körperliches und emotionales Erleben zu intensivieren
  • Erinnerung: Um an frühere tiefe Erfahrungen (auch mit Drogen) anzuknüpfen und Erkenntnisse daraus positiv umzusetzen
  • Substitution: Um der Sehnsucht nach Rausch/Trance nachgeben zu können, ohne dazu Drogen konsumieren zu müssen

Das immersive Atmen ist recht gut steuerbar, Menschen sind dem inneren Prozess nicht so ausgeliefert, wie dies bei psychedelischen Drogenerfahrungen manchmal der Fall ist. Das immersive Atmen führt aber recht häufig zu einem Zustand, den man mit Recht als psychedelisch beschreiben kann („das Innere offenbarend“).
Andererseits haben Personen, die über viel Erfahrung mit stimulierenden Substanzen verfügen, am Anfang häufig Schwierigkeit, Effekte überhaupt wahrzunehmen und dann aktiv zu erzeugen. Das immersive Atmen erfordert ein wenig Übung und eigene Anstrengung, man muss etwas mit sich selbst tun, man ist in Eigenverantwortung. Während der Sitz im Cockpit (Alltags-Ich-Bewusstsein) bei Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen phasenweise verlassen wird.

Ist das alles nur Heiße Luft (Highse Luft)?

SPIEGEL ONLINE schreibt: „Am Ende der Sendung „Das Jenke Experiment: Drogen“ steht das Resümee, dass ein High auch ganz substanzenlos durch meditative Tanz- und Atemtechniken zu erreichen und „man selbst“ immer noch die geilste Droge sei. Vorausgesetzt freilich, man ist Jenke von Wilmsdorff.“
TV-Experiment auf Ecstasy und LSD: Hammerbreit mit RTL von Arno Frank (SPIEGEL ONLINE Kultur)

Nun, man muss nicht Jenke von Wilmsdorff sein. Jede(r) kann, wenn sie/er will. Ob mehr als heiße Luft daraus wird, entscheidet sich eher durch die eigene Absicht. Was will man den „aus dem psychedelischen Raum herausholen“ (wie ich in der Jenke-Sendung sage)?
Man sieht in der Sendung „Das Jenke Experiment: Drogen“ recht genau, dass durch das immersive Atmen intensive psychologische und motorische Prozesse ausgelöst werden. Warum haben wir das vorgeschlagen? Um zu zeigen, dass Tranceprozesse zum Menschsein gehören – und eine legitime Technologie des Selbst [1] sind. Eine Form der Sorge um sich selbst (Foucault), eine abwechselnd enstastische als auch ekstatische Meditation. Und um zu zeigen, dass man dazu nicht unbedingt psychoaktive Substanzen konsumieren muss. Die Anlage für diese Zustände scheint im menschlichen Organismus seit archaischen Zeiten vorhanden und ist mit der Ausschüttung körpereigener „Drogen“ verbunden. Mehr also als heiße Luft, eher „highse Luft“. Jenke hat am Schluss seiner oberflächlich geratenen Drogensendung also ohne es zu wissen, ganz tief in die Menschheitsgeschichte hinabgeschaut. Ausprobiert und ausgerutscht, Jenke.

[1] Michel Foucault: Technologien des Selbst. In: Luther H. Martin (Hrsg.): Technologien des Selbst. Fischer, Frankfurt 1993, S. 24-62, 27.

Trance Workshop

Der Trance Workshop – High sein ohne Drogen auf finder-akademie.de genauer beschrieben.

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