„Follow me!“ – Gefahren und Chancen des sozialen Einfluss in der Präventionsarbeit

Im Vergleich zu ausschließlich informationsbasierten Präventionspogrammen haben die, die auf Grundlage von sozialem Einfluss arbeiten, eine größere Wirksamkeit gezeigt (Foxrcroft, 2011; Cuijper, 2002a; Tobler et al., 2000). Theorien, die auf sozialem Einfluss beruhen besagen, dass verschiedene Faktoren die individuelle Entscheidungsfindung stark beeinflussen. Zu diesen Faktoren gehören:

(1) sozialen Einstellungen, Normen und Gruppendenken (Fearnow-Kenny et al., 2001)

(2) persönliche / Lebenskompetenzen (Botvin and Griffin, 2002)

(3) eindrucksvolle andere Menschen, die beobachtet und als Modelle gesehen werden  (Bandura, 1977)

(4) Emotionen und nicht nur Kognitionen  (Loewenstein et al., 2001)

Eine Gefahr bei Programmen, die sozialen Einfluss nehmen ist, dass sie von Jugendlichen als soziale Kontrolle wahrgenommen werden können. Dies spielt vor allem in der Altersgruppe, welche das FINDER Lebenskompetenz- und Präventionsprogramm REBOUND anspricht (14-25 Jahre), eine Rolle. REBOUNDs Empowerment-Ansatz versucht dieser Gefahr durch kooperative Entwicklung von Normen entgegenzuwirken. Explorative Filmarbeit ist ein Weg, um die Fähigkeiten, Stärken und Defizite der analysierten Filmfiguren und der aktuellen Kursteilnehmer hervorzuheben. Diese Methode soll zu Reflexion der eigenen Normen, sowie die der anderen, anregen. REBOUND nimmt sozialen Einfluss, will aber keine Kontrolle ausüben. Die Substanz-bezogenen Ziele lassen sich mit „no use, low use, seek appropriate support“ zusammenfassen. Junge Menschen, die nicht konsumieren, sollen darin bestärkt werde, konsumierende Jugendliche sollen die Risiken kennen lernen, um kurz- oder langfristig die Motivation zur Minimierung von Schäden oder zum Ausstieg zu bilden. Wer bereits ernsthafte Probleme durch den Konsum erlebt, sollte rasch Unterstützung im Gesundheitssystem suchen.

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus folgendem Artikel:

Kröninger-Jungaberle, Henrik, Ede Nagy, Maximilian von Heyden, Fletcher DuBois and the REBOUND Participative Development Group. (2014). REBOUND: A media-based life skills and risk education programme. Health Education Journal, 1–15

Referenzen:
Bandura A (1977) Self-efficacy. Towards a unifying theory of behavior change. Psychological Review 84: 191–215.

Botvin GJ and Griffin KW (2002) Life skills training as a primary prevention approach for adolescent drug abuse and other problem behaviors. International Journal of Emergency Mental Health 4(1): 41–48.

Cuijpers P (2002a) Effective ingredients of school-based drug prevention programs: A systematic review. Addictive Behaviors 27(6): 1009–1023.

Fearnow-Kenny MD, Wyrick DL, Hansen WB, et al. (2001) Normative beliefs, expectancies, and alcoholrelated problems among college students: Implications for theory and practice. Journal of Alcohol and Drug Education 47: 31–44.

Foxcroft D and Tsertsvadze A (2011) Universal school-based prevention programs for alcohol misuse in young people. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 9. Art. No.: CD009308. DOI: 10.1002/14651858.CD009308

Loewenstein GF, Weber EU, Hsee CK, et al. (2001) Risk as feelings. Psychological Bulletin 127(2): 267–286. Maruska K and Hanewinkel R (2010) The impact of smoking in movies on children and adolescents: A systematic review. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz 53(2): 186–195.

Tobler N (2000) Lessons learned. Journal of Primary Prevention 20(4): 261–274.

 

Starke Lehrer?! Die Auswirkungen des Lehrerverhaltens auf Schüler in Präventionsprogrammen

Nach Pettingrew et al. (2013) beeinflussen Lehrer-Interaktionsstile das Gelingen von Präventionsprogrammen stark. Auch Skinner und Belmont (1993) stützen dies und stellen auf Basis der Self-Determination Theory (Ryan & Deci, 2000) eine Beziehung zwischen Lehrerverhalten und Motivation sowie Einstellung der Schüler her. Die Theorie geht davon aus, dass Menschen über eine intrinsische Motivation verfügen. Diese kann wirksam werden, sobald grundlegend psychologische Bedürfnisse wie

(1) die Wahrnehmung eigener Kompetenz

(2) Autonomie und

(3) sozialer Einbindung befriedigt sind.

Lehrende können durch Schaffen dieser Voraussetzung den Lern- und Programmerfolg beeinflussen. Ein optimaler Lernerfolg wird durch eine aktive Teilnahme der Schüler bedingt, welche wiederum hauptsächlich vom Verhalten der Lehrenden abhängt.

Die Motivation und das Engagement der Schüler wird durch Vorgeben von Struktur, Förderung von Autonomie und persönlicher Involviertheit der Lehrkraft mitbestimmt. Besonders die Involviertheit der Lehrenden und die Wirkung derer intrinsischer Motivation beeinflusst das Interesse und Durchhaltevermögen der Schüler. Radel, Sarrazin, Legrain & Wild (2010) bezeichnen die intrinsische Motivation der Lehrkraft als „ansteckend“ und somit als einen wichtigen Einflussfaktor im Interaktionsprozess.

Die Motivation der Lehrenden selbst, hängt stark von den verfolgten Zielen ab. Butler (2007) beschreibt, dass es bei Pädagogen erhebliche Unterschiede in Motivation, Zielorientierung und Unterrichtsstilen gibt und unterscheidet zwischen vier Typen: Das Streben danach, selbst beim Unterricht etwas zu lernen und seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln (mastery), den Wunsch, im Unterricht außergewöhnliche Fähigkeiten zu demonstrieren (ability approach), den Wunsch im Unterricht nicht als inkompetent aufzufallen (ability avoidance), sowie das Ziel, Arbeit zu vermeiden (work avoidance). Je nach Motivationslage ist mit erheblichen Variationen bei der Umsetzung von Präventionsprogrammen zu rechnen.

Eine weitere wichtige und ebenfalls „ansteckende“ Determinante stellt die Selbstwirksamkeitserwartung dar. Selbstwirksamkeitserwartung wird von Bandura (1977) als der Glauben etwas bewirken und Einfluss nehmen zu können, sowie in schwierigen Situationen selbstständig handeln zu können beschrieben. Eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung der Lehrenden führt zu schlechteren Leistungen der Schüler, dies wiederum zu einem  rückwirkenden Einfluss auf den Lehrenden.  Eine kollektive hohe Selbstwirksamkeitserwartung hingegen erhöht Motivation, die Orientierung an den eigenen Fähigkeiten, kooperatives Verhalten und führt zu besseren Leistungen.

Für das Gelingen eines Präventionsprogramms ist somit entscheidend die Selbstwirksamkeitserwartung des Klassengefüges, wie auch des einzelnen Schülers zu maximieren und ihn aus der Passivität der Schülerrolle herauszulösen.

 

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus folgendem Artikel:

Kröninger-Jungaberle, H., & Schuldt, F. (2014). Abschied von der Homogenität – Eine Interaktions-Typologie von Jugendlichen in der Prävention des Missbrauchs von Alkohol und anderen Drogen. Rausch – Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, 3(1), 45–57.

Referenzen:

Bandura, A. (1977): Self-efficacy: toward a unifying theory of behavioral change. Psychol Rev 84 (2), 191-215.

Butler, R. (2007): Teachers’ achievement goal orientations and associations with teachers’ help seeking: Examination of a novel approach to teacher motivation. Journal of Educational Psychology 99 (2), 241-252. doi:10.1037/0022- 0663.99.2.241

Pettigrew, J., Miller-Day, M., Shin, Y. et al. (2013): Describing Teacher-Student Interactions: A Qualitative Assessment of Teacher Implementation of th 7st Grade keepin´it REAL Stubstance Use Intervention. American Journal of Community Psychology 51 (1-2), 43-56. doi:10.1007/s10464-012-9539-1

Radel, R., Sarrazin, P., Legrain, P. & Wild, T. C. (2010): Social contagion of motivation between teacher and student: Analyzing underlying processes. Journal of Educational Psychology 102 (3), 577.

Ryan, R. M. & Deci, E. L. (2000): Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and wellbeing. American Psychologist 55 (1), 68-78. doi:10.1037/0003-066X.55.1.68

Skinner, E. A. & Belmont, M. J. (1993): Motivation in the classroom: Reciprocal effects of teacher behavior and student engagement across the school year. Journal of Educational Psychology 85 (4), 571-581. doi:10.1037/0022-0663.85.4.571

 

Eine Botschaft, acht Empfänger – Schülertypologien in der Prävention

 

Universell angelegte Präventionsprogramme werden häufig im Setting Schule durchgeführt. Dies hat den Vorteil eines niederschwelligen Zugangs zur Zielgruppe und das Erreichen einer heterogenen Gruppe an Jugendlichen. Die Inhomogenität dieser Gruppe stellt die Präventions-Pädagogen allerdings vor Herausforderungen, welche je nach Bewältigung, über den Erfolg oder Nicht-Erfolg des Programms entscheiden können. Unterschiede in Charakteren, Lebenslagen und Interessen der Zielgruppe stellen nicht nur die Implementationstreue in Frage, sondern fordern auch einen professionellen Aufbau von sozialer Kompetenz und Unterrichtsstil seitens der Lehrkräfte. Diese pädagogischen Grundlagen werden heute häufig nur unzureichend in der Ausbildung von Multiplikatoren für Präventionsprogramme vermittelt.

Für das Gelingen von Präventionsprogrammen im Schulsetting, ist eine erfolgreiche Kommunikation zwischen den beteiligten Akteuren unabdingbar und erfordert Methoden, um die Herausforderungen der Heterogenität zu bewältigen.

Zur Beschreibung erfolgreicher Methoden, um mit unterschiedlichen Interaktionsverhalten umzugehen und eine Verbesserung in der Schulung von Pädagogen und Multiplikatoren zu erreichen, wurde eine Schüler-Typologie konstruiert. Diese empirisch-begründeten „constructed types“ stellen eine Mischung aus real im Feld vorkommenden Personen und konzeptioneller Zuspitzung dar. Zwischen den Typen mit verschieden Ausprägungen gibt es fließende Übergänge, weshalb sie selten abgrenzbaren Klassen zugeordnet werden können. Der Begriff der Typologie beinhaltet, dass sich die Elemente innerhalb eines Typus möglichst ähnlich sind und sich von anderen Typen maximal unterscheiden. Von Klassifikation wird gesprochen, wenn einem Objekt ein Merkmal eindeutig zu-oder abgesprochen werden kann, was in sozialen Systemen jedoch selten möglich ist.

Die vorliegende „Schülerinnen- und Schüler“-Typologie wurde im Umfeld des REBOUND-Programms entwickelt, welches sich an 14-25-jährige richtet. REBOUND ist ein 16 teiliges, empirisch überprüftes Lebenskompetenz- und Präventionsprogramm und wird von Pädagogen und jungen Mentoren gemeinsam durchgeführt. Diese berichteten in Supervisionen von erheblichen Unterschieden im Interaktionsgeschehen bei der Durchführung ihrer Kurse. 38 Präventionspraktiker entwickelten – durch eine unsystematische Sammlung von elf Schülertypen – die Grundlage für die Systematisierung der Typologie zu „constructed types“. Des Weiteren wurden Berichte von teilnehmenden Schülern, Mentoren und praktizierenden Präventionspädagogen, sowie Notizen aus Weiterbildungen und Supervisionen mit einbezogen, um die empirisch-begründete Typologie zu erstellen. Es wurden 8 verschiedene Typenbegriffe erstellt, welche nicht auf Persönlichkeitsmerkmalen, sondern kontextabhängigen Interaktionsstilen zwischen Schülern und Pädagogen beruhen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Motivation, Kommunikation, Beteiligung und Autonomie gegenüber den Peers. Die Typenbegriffe lauten: Die Meinungsführer, die Mitläufer, die Authentischen, die Pseudo-Reflektierten, die Außenseiter, die Leistungsorientierten, die Desillusionierten und die Rebellen.

(1) Die Meinungsführer

Sind Schüler/Innen die dominieren und eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Präventionsbotschaften übernehmen. Die Autonomie gegenüber den Peers ist hoch. Der Einfluss auf die Klasseninteraktion kann positiv oder negativ sein. Stehen einzelne Charaktere oft im Mittelpunkt oder sind sehr engagiert, entsteht für Lehrpersonen die Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen Meinungsführern und dem Rest der Klasse herzustellen, ohne die Engagierten zu enttäuschen.

(2) Die Mitläufer

Zeichnen sich durch weniger autonome und mehr an der Gruppendenkweise orientierte Kommunikation aus. Ihr

Interaktionsverhalten wird von den Peers als eher positiv und den Lehrern meist als angepasst wahrgenommen. Eine Herausforderung für Kursleiter ergibt sich, wenn sich die Mitläufer an Meinungsführer mit negativen Interaktionsmustern orientieren.

(3) Die Authentischen

Sind häufig sensitive, selbstreflexive, aber auch körperlich weiter entwickelte Schüler mit hoher Autonomie. Sie können das Interaktionsgeschehen positiv beeinflussen, da es ihnen gelingt Selbstbezug auszudrücken und Persönliches zu offenbaren. Auch aufrichtige Kritik an Kursleitern, Peers oder Kursthemen können einen positiven Einfluss haben.

Die Authentischen zeigen häufig Interesse an den sozialen Themen der Präventionskurse, bauen leichter positive Beziehungen zu Lehrenden auf, stehen dafür aber nicht selten in Konflikt mit abgeneigten Peers.

(4) Die Pseudoreflektierten

Zeigen sich häufig motiviert, meinen Vermitteltes unmittelbar zu verstehen, stellen allerdings keinen Selbstbezug her. Sie neigen zu sozial erwünschtem Verhalten, aber haben Probleme das erworbene Wissen auf sich selbst oder Anwendungssituationen zu übertragen.

 

 

(5) Die Außenseiter

Stehen am Rande des Interaktionsgeschehens, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Merkmale und Gründe aber stark. Häufig sind unter ihnen hoch belastete Personen, welche sich am Kursgeschehen allerdings selten beteiligen. Aufgrund der hohen Belastung und der Bedeutsamkeit für die Klasse als Ganzes, wird Kursleitern die wichtige Aufgabe zuteil, Außenseiter in das Geschehen des Präventionskurses zu involvieren. Ob diese zum Interaktions-Bündnispartner oder -Gegenspieler werden, hängt häufig von der Reaktion der Peers auf die Initiative der Kursleiter ab, die Außenseiter zu involvieren. Gelingt die Integration der Außenseiter ins Kursgeschehen, können auch die anderen Schüler davon profitieren.

(6) Die Leistungsorientieren

Fordern die Gewichtung von Fakten stärker zu berücksichtigen als die Selbst- und soziale Reflexion. Sie kommunizieren eher selten konstruktiv mit ihren Peers aber können trotz teilweise geringem Interesse am Kursthema stark auf den Kursleiter orientiert sein.

 

 

(7) Die Desillusionierten

Fühlen sich leicht von Kursleitern unter Selbstoffenbarungsdruck gesetzt und lehnen Methoden und Inhalte des sozialen Lernens ab. Sie verfügen über eine geringe persönliche oder kollektive Selbstwirksamkeitserwartung bezüglich Veränderungen, die durch präventive Veränderungen möglich sind. Kursleiter und Mentoren werden vor die Herausforderung gestellt, eine Veränderung der Interaktionsmuster zu erreichen und die Desillusionierten einzubinden. Eine Veränderung kann durch bedeutsame Momente mit Authentizitätscharakter geschaffen werden.

(8) Die Rebellen

Verfolgen oft unabhängig von Kursinhalten das Entwicklungsthema Autonomie. Sie können positiven oder negativen Einfluss auf das Kursgeschehen haben. Positiv kann die Authentizität in ihrem Kommunikationsverhalten wirken. Vor Herausforderungen werden Kursleiter gestellt, wenn sich „die Rebellen“ über die Notenfreiheit, Kommunikationsregeln oder interaktive Methoden in den Mittelpunkt stellen oder die Peers durch Rivalität mit dem Kursleiter beeindrucken wollen. Dies kann tiefere Gespräche verhindern und andere Kursteilnehmer   ablenken.

 

 

Schüler-Interaktionsmuster sollen von Pädagogen differenziert wahrgenommen werden und mit einer methodisch überlegten Reaktion beantwortet werden. Zusammen mit Konsumerfahrenheit der Schüler und Lehrer-Interaktionsmuster spielen Schüler-Interaktionsmuster eine entscheidende Rolle für die Vermittlung von Risikobotschaften und schadensminimierenden Informationen. Die konstruierte Schüler-Typologie ist nützlich für die Anwendung im gezielten Interaktionstraining von Kursleitern in Weiterbildungen und Supervision. Das Ziel liegt darin, produktive Strategien im Umgang mit der Vielfalt im Klassenzimmer zu erlernen.

 

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus folgendem Artikel:

Kröninger-Jungaberle, H., & Schuldt, F. (2014). Abschied von der Homogenität – Eine Interaktions-Typologie von Jugendlichen in der Prävention des Missbrauchs von Alkohol und anderen Drogen. Rausch – Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, 3(1), 45–57

Vernunft 1

Persönlicher Jahresrückblick 2016 – Henrik Jungaberle

Kritik und Zukunft der psychedelischen Bewegung (2016): der Initiativkreis „Stiftungsgründung“ in Berlin

„Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit; wer der Menge tief scheinen möchte,
bemüht sich um Dunkelheit.“
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

Ich bin aus verschiedenen Gründen davon überzeugt, dass Psychedelika und Entaktogene eine positive Rolle in Medizin, Psychotherapie und globaler Kultur spielen können. Sie haben es bereits getan und es gibt inzwischen eine ernstzunehmende Wissenschaft [1], die diesen Optimismus unterfüttert. Diese Substanzen können vor allem bei unsachgemäßem Gebrauch aber auch negative Effekte produzieren. Deshalb kann es keine psychedelische Medizin geben, die „negative Wirkungen“ nicht thematisiert und eine Ethik der Anwendung formuliert. Das ist übrigens bei den Opiaten nicht anders. Einen Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ habe ich im Herbst 2016 in Berlin ins Leben gerufen.

Die entheoscience als aktuelles Forum in der deutschsprachigen „psychedelischen Szene“

Die entheoscience ist ein Konferenzformat, das von Joe Schraube entwickelt wurde und mit einem kleinen Team Freiwilliger organisiert wird. Auf der diesjährigen Berliner Tagung mit dem Motto „Let’s talk about Psychedelics“ trafen sich vom 3.-4. September 2016 mehr als 300 Teilnehmer. Deren Hintergründe reichten von wissenschaftlich interessierten Studierenden und Forschern, über Therapeuten, spirituell Interessierten und Psychonauten bis hin zu politischen Aktivisten aus der Party- und Drogenpolitikszene.

In meinem Beitrag spreche ich über interne Konflikte oder Herausforderungen der „psychedelischen Szene“ (die ich auch genauer beschreibe, hier der LINK zu meinen Vortragsfolien).
Und ich argumentiere, dass es besondere Bedingungen in den deutschsprachigen Ländern gibt, die eine zielführende Organisation der psychedelischen „Szene“ bisher verhindert haben. Warum gibt es kein „deutschsprachiges MAPS“? Wie kam es, dass das die früher hier aktive Organisation „Europäische Collegium für Bewusstseinsstudien (ECBS)“ Anfang der 2000er einfach von der Bildfläche verschwunden ist?
2016-09-04-kritik-und-zukunft-der-psychedelischen-bewegung-henrik-jungaberle-entheoscience_seite_16Dazu gehört auch (aber nicht nur) der teilweise lähmende Einfluss einer Gruppe um den Schweizerer Psychotherapeuten Samuel Widmer. Wichtiger aber sind kulturelle Ideen, in der Psychedelika-Szene, wie die Verwechslung von Erfahrung und Erkenntnis sowie ein häufig naives, in Schubladen-Denken verharrendes Verständnis von Wissenschaft. Das führt dann zu fruchtlosen Gegenüberstellungen wie „Spiritualität versus Wissenschaft“. Oder es herrscht Sprachlosigkeit oder elitäre Arroganz bezüglich der möglichen negativen Nebenwirkungen von Psychedelika und Entaktogenen vor. Diese sind einfach Realität, gleichgültig, welche Rolle hier die Illegalisierung dieser Substanzen spielen mag.

 

ABSCHLUSSPODIUM auf der entheoscience 2016

„Alles, was in die Tiefe geht, ist klar bis zur Durchsichtigkeit.“
Leo Tolstoi, Tagebücher, 1899

Direkt im Anschluss an meinen Beitrag fand das Abschlusspodium der Tagung statt, in dem die von mir angesprochenen Konflikte deutlich hervortreten. Ich spreche sie teilweise selbst aus. Meine Haltung ist klar: ohne zu benennen, was die psychedelisch Interessierten trennt und welche Illusionen hier vorherrschen, lässt sich kaum ein positiver Schritt in Richtung Selbstorganisation und Zusammenarbeit gehen. Hier die Podiumsdiskussion auf der entheoscience:

Initiativkreis „Stiftungsgründung Psychedelic Science, Therapy and Prevention“ in Berlin

Mein eigener Beitrag schließt mit dem Vorschlag zu fünf Initiativen, die aus der „psychedelischen Bewegung“ heraus zu starten sind, um mittelfristig die Illegalisierung dieser Substanzen zu überwinden, therapeutische Effekte seriös nachzuweisen und die (in Public Health Perspektive [2], [3] vergleichsweise geringen, aber eben vorhandenen) negativen Effekte dieser Substanzen zu minimieren. Dazu gehören:

  • eine (regelmäßige) wissenschaftliche Konferenz zu Fragen und Studien mit Psychedelischen Substanzen, die von Grundlagenwissenschaft über Therapieforschung [4], Fragen der Drogenregulation bis zur Kulturwissenschaft reichen kann
  • eine (regelmäßige) Konferenz zur psychedelischen Kultur, deren Ausgangspunkt durchaus die entheoscience sein könnte
  • Prävention/Harm Reduction auf dem Feld des experimentellen und regenerationalen Gebrauch dieser Substanzen
  • Koordinierte Öffentlichkeitsarbeit, um der verbreiteten „Ahnungslosigkeit“ in allen Bevölkerungsschichten gegenüberzutreten
  • eine Organisation, die all dies gestalten und fördern kann – durch Sammeln von Spenden, Teilnahme an Forschungsförderung und der Vergabe von Stipendien und Projektfördermitteln

Ich habe in diesem Herbst einen Initiativkreis „Stiftungsgründung“ ins Leben gerufen, der im November 2016 in Berlin das Gründungskonzept diskutieren und verabschieden wird. Wem die oben genannten Punkt am Herzen liegen, wer forschen möchte oder eine positive Rolle der Psychedelika in der Gesellschaft unterstützen will, ist eingeladen, sich entweder am Initiativkreis selbst oder dem angegliederten Unterstützerkreis zu beteiligen.
Die Organisation wird bilingual Deutsch und Englisch sein und schließt Interessenten aus den deutschsprachigen und weiteren europäischen Ländern ein.

StiftungsgründungKontakt zum Initiativkreis und Information: Link. Ich werde weiter über den Fortgang der noch jungen Initiative berichten.

 


Referenzen

[1] Sessa, B. (2015). Turn on and tune in to evidence-based psychedelic research. The Lancet Psychiatry, 2(1), 10–12.

[2] Krebs, T. S., & Johansen, P.-Ø. (2013). Psychedelics and mental health: a population study. PloS One, 8(8), e63972. http://doi.org/10.1371/journal.pone.0063972

[3] van Amsterdam, J., Nutt, D., Phillips, L., van den Brink, W., Amsterdam, J. Van, Nutt, D., & Phillips, L. (2015). European rating of drug harms. Journal of Psychopharmacology (Oxford, England), 1–6. http://doi.org/10.1177/0269881115581980

[4] Jungaberle, H., Gasser, P., Weinhold, J., & Verres, R. (2008). Therapie mit psychoaktiven Substanzen : Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA (1. Aufl.). Edited Book, Bern: Huber.

https://www.amazon.de/Henrik-Jungaberle/e/B00IO4T17C/ref=sr_tc_2_0?qid=1473535331&sr=8-2-ent

 

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High sein ohne Drogen – mit nichts als deinem Atem: Jenke von Wilmsdorf konsumiert O2 und macht trotzdem eine schräge Drogenerfahrung daraus (RTL-Blogpost 3/3)

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Gefangen im LSD-Rausch? Von wegen RTL

Der Jenke-Kater: Was passiert, wenn man Drogen vor der Kamera nimmt (RTL-Blogpost 2/3)

Jenke von Willmsdorfs Drogen-Sendung: mehr wirr als erhellend

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“

Herbert Achternbusch (*1938), dt. Filmemacher und Schriftsteller

Am Mo, den 05.09.2016 um 21.15 Uhr hat RTL die Folge „Das Jenke Experiment: Drogen“ erstmals ausgestrahlt. Der Fernsehjournalist Jenke von Wilmsdorff wird von der Kamera dabei begleitet, wie er verschiedene psychoaktive Substanzen zu sich nimmt (Ecstasy/in Wirklichkeit wohl MDAI, Ritalin, KO-Tropfen mit einem Benzodiazepin-ähnlichen Wirkstoff und LSD). Ich begleitete in der Sendung Jenkes LSD-Experiment gemeinsam mit Prof. Volker Auwärter als Trip-Sitter. Zusätzlich durchläuft der Schauspieler und Reporter ein drogenfreies Atem-Experiment unter Leitung von Andrea Zeuch und mir selbst. Ziel seiner Experimente ist es (neben der Quote), gesellschaftliche Reizthemen zu enttabuisieren und zu einer unvoreingenommenen Diskussion beizutragen. Ich persönlich glaube allerdings, dass die Sendung weit unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Da wäre viel mehr drin gewesen: mit Jenkes herausragender Fähigkeit sich auf die unterschiedlichsten Personen und Themen einzulassen und diese „von innen“ zu erkunden, hätte es gelingen können, unter der Oberfläche zu kratzen. Ich berichte hier ein wenig von meinem persönlichen Jenke-Kater.

LSD Info ganz High sein Henrik Jungaberle Jörg Böckem

LSD Infoblatt aus „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle (2015)

Die Sendung „Das Jenke Experiment: Drogen“ ist als Ganzes leider weitgehend schief gegangen. Das haben Experimente manchmal so an sich. Schiefgegangen sind aber nicht unbedingt die (allerdings viel zu zahlreichen) Einzel-Experimente, sondern deren journalistische Verarbeitung. Der Schnitt bringt Unvereinbares zusammen und tilgt Wichtiges. Und die Zusammenhänge des Gezeigten gingen oft verloren oder wurden gar nicht erst gesucht.
Ich glaube an den Wert des Selbstexperiments. In Wissenschaft und auch im Journalismus. Jenke von Wilmsdorff selbst hat hier schon Ansehliches geleistet, auch in seinen Alkohol- und Cannabis-Experimenten. Ein Experiment gelingt aber nicht in der nackten, unvorbereiteten Erfahrung, sondern im Aufbau, in der Reflexion, in der Darstellung. Es braucht einen Plan. Es fehlt in der „Drogen“-Sendung ein Bogen, ein roter Faden, mit dem das komplexe Thema verständlich wird. Der Erkenntnisgewinn bleibt deshalb tatsächlich  gering.
Was wir gestern gesehen haben war eine teils wirre Aneinanderreihung emotionalisierender Szenen. Es ging vorgeblich um „harte“ Drogen, aber die Sendung war journalistisch weichgesspült und verlief sich im Ganzen dann ins Unkritische:

  • arm an Fakten (wir erfahren nichts über die Relevanz der angeblichen „Alltagsdrogen“, keine Statistik, keine Vergleiche, am Ende die fast aussagelose Zahl der Drogentoten – nicht einmal in Relation zu Alkohol, Cannabis, Autofahren oder Gleitschirmfliegen gesetzt. Oder zu den 2000-4000 Aspirintoten jährlich)
  • mit Fehldarstellungen. Beispiel: das angebliche Ecstasy-Experiment war ja laut der im Fernsehen hörbaren Aussage des Toxikologen Prof. Dr. Auswärter nicht MDMA (der eigentliche Wirkstoff von „Ecstasy“), sondern MDAI. Das ist vor allem deshalb relevant, weil die genannte Dosis von 250 mg für einen MDMA-Trip bereits hoch bis sehr hoch wäre. Solche Fehler gibt es einige.
  • zusammenhanglos: Was in Jenkes Cannabis-Experiment noch ein hin- und herspringen zwischen Gebrauchskontexten und politischen Aussagen, zwischen rekreationalen Usern und Abhängigen war, wird in der Drogen-Sendung zum labyrinthischen Herumspazieren in der Welt der Drogen. Wie kommen wir vom LSD-Experiment zu den KO-Tropfen? Wohl nur über die Logik der abschreckenden Assoziation.
  • klischeehaft: dass es Sucht gibt, dass sie ernst zu nehmen ist, dass man von Drogen sterben kann, dass andere daran leiden (auch Babys). Ja, das wussten wir. Und es muss auch immer wieder gesagt werden. Aber am besten so, dass wir mehr als einen Quoten-Effekt erreichen. Wir müssen ja etwas mit den Informationen machen (können): Politik verbessern, Therapie optimieren, mit unseren Kindern reden, für Prävention eintreten und auch die Konsumierenden respektvoll unterstützen, damit sie keine Patienten werden. Da reicht der Voyeurismus nicht. Und wir sollten die Jugendbeauftragten der TV-Sender mit Fakten aufklären können, so dass sie von der Idee abkommen, möglichst viel Drogen-Drama, Drogen-Tod und Sucht würde optimal viele Menschen abschrecken. Dem ist nicht so. Dazu gibt es sogar Wissenschaft.
  • pauschalisierend: was kritischer Drogen-Journalismus leisten muss: differenzieren zwischen Substanzen, Motiven, Kontexten und Gebrauchsmustern, dem Einfluss von Politik und Medien, den Verzerrungen der einzelnen Drogen-Konsumenten und ihrer „Szenen“: „Nicht die Droge ist’s, der Mensch“ lautet ein Schlagwort. Hier wurden allerdings wieder die unterschiedlichsten Substanzen zu einer diffusen Masse zusammengerüht: „die Drogen“. Eine Kindergeschichte wurde uns erzählt. Ja, Jenke: leider „so ein Psycho-Scheiß“.

Ich kannte die Sendung „Das Jenke Experiment“ bis vor Kurzem nicht. Als Jenke von Wilmsdorfs Redaktion im letzten Dezember nachfragt, ob ich willens und in der Lage sei, Jenke bei einer LSD-Erfahrung zu begleiten, habe ich gründlich überlegt. „RTL ist nicht ARTE“ sagten Kollegen (aha!) und: „Das wird eine geistlose Selbstinszenierung“ (fand ich bisher nicht) oder „Experimente genügen nicht als journalistisches Konzept, das wird flach und klischeehaft“ (Experimente genügen nicht, ja) meinten andere. Wenn ich das Ergebnis nun betrachte herrscht bei mir selbst Kater-Stimmung vor. Jenke von Willmsdorf ist ein empathischer und kluger Journalists, ein interessanter Mensch und mutig obendrein. Hier fehlte es aber an Substanz und Fokus.

Interessanterweise ist die Darstellung der Experimente auf den RTL-Websites ausgewogener als im Zusammenhang der Sendung. Hier werden auch Ausschnitte präsentiert, die es nicht mehr in die Sendung schaffen durften: zum Beispiel ein Interview mit dem Kopf der portugiesischen Drogenpolitik, Dr. Joao Goulao. Hier blitzt auf, was in der Sendung zu kurz kommt: Schlussfolgerung, Vergleich, Alternativen, eine Idee, wie wir die Welt durch Politik und Wissenschaft und Teilnahme verbessern könnten.
Auch das LSD-Experiment (hier noch ein weiterer Link) wirkt anders, wenn man nicht in den Verschleierungszusammenhang von KO-Tropfen und Heroin-Therapie stellt (und umgekehrt teilweise auch). Der ist natürlich bewusst gewählt – es darf ja nicht gut sein.
Und unser Atem-Experiment  (hier noch ein weiterer Link) mit Jenke macht ja fast Sinn, wenn man die Begriffe Trance und „High sein ohne Drogen“ in einen Kontext stellt: Was suchen Menschen, wenn sie ihr Bewusstsein verändern möchten? Könnten solche Methoden, wie wir sie hier anwenden, unterstützen beim Umgang mit diesem Bedürfnis nach „Rausch“ und einer Suche nach Selbsterkenntnis, die es eben auch gibt? Ja, sie könnten es.

War Jenke von Wilmsdorff in einem LSD-Rausch gefangen? Nun.

RTL Jenke im LSD Rausch gefangenDie Redaktion war über die Pressereaktionen auf „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ (2015 zusammen mit dem Journalisten Jörg Böckem) und unser Buch „Therapie mit Psychoaktiven Substanzen“ (2008) auf mich aufmersam geworden – letzteres hatte ich noch innerhalb eines Forschungsprojekts an der Universität Heidelberg auf den Weg gebracht. Nachdem ich mir dann „Das Jenke Experiment: Cannabis“ angesehen habe, dachte ich: „ja, hier gibt es die Chance über das Thema „Drogen“ aus verschiedenen Blickwinkeln zu berichten“. Genau das war ja in der Cannabis-Sendung gelungen. In diesem Fall muss man allerdings sagen: als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Nur die Quote stimmte schon: 24%. Das erreichen sonst nur Champions-League-Spiele.

Drug harms

Rangliste der Gefährlichkeit von psychoaktiven Substanzen in „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ [nach von van Amsterdam und David Nutt 2015)[2,5]

Jenke stellt sich der als besonders aggressiv geltenden Droge„? Nun, LSD gilt nicht als besonders aggressiv. Dessen Gefahren für die öffentliche Gesundheit sind als vergleichsweise gering einzuschätzen – vor allem in Kontrastierung zu Methamphetamin oder Heroin. Vergleichsweise: das ist ein Fremdwort in der Jenke-Folge über Drogen. Aber nur im Vergleich manchen Risiken Sinn bzw. machen Menschen aus Risiken Sinn. Für den Einzelfall gilt nach wie vor, was ich auch in der Sendung sage: die Folgen eines „Unfalls“ und einer misslungenen Erfahrung können dramatisch sein.

In einer Meta-Studie stellen Teri S. Krebs und Pål-Ørjan Johansen [3] dar, dass es in einer Stichprobe von 21,967 Erwachsenen keine signifikante Verbindung des Gebrauchs von LSD, Meskalin, Peyote, Psilocybin-Pilzen mit „Mental Health-Outcomes“, also psychischen Beeinträchtigungen auf der Bevölkerungsebene gab. Wie alles in der Wissenschaft ist das kein letztes Wort, aber ein gewichtiges, das zur Differenzierung beitragen kann. Auch RTL kann es schaffen, die Gefährlichkeit von Drogen in eine Relation zu setzen – man muss es nur wollen. Und verstehen. Dazu auch die vieldiskutierte Arbeit von David Nutt (siehe Grafik, [2,5]).

Was beim LSD-Experiment wirklich geschah

Ein paar Informationen aus zweiter Hand, die helfen, das Bild des LSD-Experiments zu vertiefen: Jenke nimmt für sein etwa 10stündiges Experiment 200 µg der Substanz Lysersäurediäthylamid (LSD) ein. Er erlebt eine intensive innere Reise mit vorherrschendem Introspektionscharakter. Jenkes LSD-Erfahrung ist weit von einem „Horror-Trip“ entfernt, der nach Jenkes eigenem Voice Over aus der Sendung angeblich drohte. Die zwei emotional schwierigsten Momente aus der Erfahrung, die in der Sendung gezeigt wurden, dauerten einmal zwei Minuten (die Verkennung meiner eigenen Person als sein Sohn wie er in einigen Jahren sein würde) und im Fall von Jenkes Paranoia auf unserem Spaziergang etwa fünf Minuten. Beides war durch das einfache Instrument menschlicher Anteilnahme und Reorientierung auf den Moment gut lösbar – was im Übrigen nicht nur Profis wie Volker Auwärter und ich schaffen, sondern auch gut informierte „Laien“.
In Kontrast zu dem MDAI/“Ecstasy“-Experiment haben wir für Jenke ein Setting gestaltet, das Innenschau und Beobachtung der „psychedelischen“ Phänomene erleichtert. Es sollte nicht noch einmal um Party, viele Menschen und Tanzen gehen, sondern um eine … Reise, ja, Jenke sagt es selbst am Anfang des gesendeten Ausschnitts. Meine eigene Intention war es, diese andere Dimension des Drogengebrauchs, vor allem des Psychedelika-Gebrauchs, für die Sendung zu ergänzen. Das wird weniger deutlich als ich es mir wünsche. Und die in der Sendung weitergeführte Umdeutung von LSD zu einer „Monsterdroge“ hat mit der Anti-LSD-Propaganda der 1960er-Jahre begonnen und sitzt in den Köpfen von Journalisten noch immer fest.

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Tatsächlich drehten sich Jenkes Erfahrungen weitestgehend um ästhetische Eindrücke, Einsichten und philosophische Fragen, die kaum Platz in der Sendung fanden. Hier Ausschnitte In meinen Worten aus Notizen und Gedächtnis wiedergegeben:

  • „muss das Leben immer so weitergehen, kann es nicht einfach einmal gut sein?“
  • „muss man alles immer steuern, kann es nicht einfach geschehen?“
  • „die Dinge hängen alle auf eine Art zusammen, die uns sonst verborgen ist“
  • „die Natur ist auf wunderbare Weise miteinander vernetzt“
  • „diese Musik ist gewaltig und komplex, so etwas habe ich noch nie in dieser Art wahrgenommen“

In jedem anderen Setting würde ich das nicht erzählen, aber wir haben ja für die Kamera gedreht.
Und wir Begleiter haben nicht mehr oder weniger getan als die „Alt-Vorderen“ [Nachzulsen in: 4] des verantwortungsvollen Umgangs mit psychedelischen Substanzen seit 60 Jahren empfehlen: wir haben ein bewältigbares Setting gestaltet, Ruhe und Raum für Selbsterkundung und emotionale Katharsis geschaffen. Auch das tun Menschen weltweit – nicht nur in therapeutischen Studien, bei denen LSD dazu eingesetzt wird, die Angst von Sterbenden oder von Menschen zu lindern, die an tödlichen Krankheiten leiden [1]. Nicht nur in bildungsbürgerlichen Schichten.
Ich habe unter anderem Musik von Sigur Rós, Leoš Janáček oder Carbon Based Lifeforms gespielt. Und wir haben Jenkes Aufmerksamkeit ein wenig gelenkt: auf seinen Körper, auf die Bäume, den Himmel, den warmen Boden. Das alles mit dem Ziel, seine Erlebnisfähigkeit zu vertiefen. Klar war auch Jenke auf Bilder für die Sendung aus. Vielleicht hat er auch deshalb seinen Prozess der Innenschau häufig durch erklärendes Reden unterbrochen. Aber auch das hatte Platz:

  • Albernheit und Lachen
  • Euphorie und Wut

Wut bei Jenke habe ich einmal hervorgelockt: er hatte körperliche Schmerzen (von einem Kleidungsstück, wie sich später herausstellte) und ich massierte ihn. Er drückte gegen meine Hände und meinte: „ist das schon alles?“. Ich nahm die „Herausforderung“ an und stellte mich auf seinen Rücken – sanft, so dass er keinen Schaden nehmen würde, aber entschieden. Nach einer Weile, die sowohl Lust als auch Schmerz für ihn beinhaltete, rief er: „Geh runter, du Arschloch“. Ich trat dann nicht nur von seinem Rücken, sondern zog ihn bewusst und aktiv aus dem Liegen in eine sitzende Position (die Momente danach sieht man RTL-Ausschnitt):

  • „in diesem Moment ging das Licht auf, vorher war die Hölle, jetzt fühlte ich mich wie in den Himmel hinaufgezogen“

Es sind diese kleinen metaphorisch-traumhaften Sequenzen, die einen LSD-Trip ausmachen und tatsächlich auch wertvoll für Einsicht und persönliche Entwicklung machen können. Können. Ich hätte mir deren kurzeDarstellung gewünscht. Liebes RTL-Team: es ist möglich, eine Geschichte emotional, packend und mit Tiefe zu erzählen. Im RTL-Schnitt des LSD-Experiments sehen wir weitestgehend die Reduktion auf „Optik“, also visuelle Phänomene und die zwei schwierigen Momente. Man kann den Zuschauern mehr zumuten.

Fazit: Was kommt bei Jenkes Drogen-Sendung eigentlich raus?

HIGH SEIN. Ein Aufklärungsbuch

In eigener Sache: „High sein. Ein Aufklärungsbuch“ – Henrik Jungaberle mit Jörg Böckem.

In meinem ersten Blogpost zur RTL-Sendung habe ich geschrieben:

„Darf ein Journalist Tabus brechen oder gar Gesetze übertreten, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und aufzuklären? Kommt drauf an. Auf die Dosis an kritischem Potential vor allem.“

Rausgekommen ist bislang eher, was der SPIEGEL-Journalist Arno Frank so beschreibt: „Hier erprobt er am eigenen Leib gesellschaftliche Phänomene, ohne allzu sehr mit deren Ursachen zu langweilen“ (TV-Experiment auf Ecstasy und LSD: Hammerbreit mit RTL von Arno Frank (SPIEGEL ONLINE Kultur).
Das muss nicht so bleiben. Die Sendung kann aufgearbeitet werden. Und lasst uns alle daran lernen: Journalisten müssen sich auch durch Lektüre vorbereiten, dürfen nicht nur im Gespräch mit Experten (Suchttherapeuten, Toxikologen, Drogenforschern usw.) Informationsschnipsel aufsaugen, die auf ihre Effekt-Fähigkeit hin überprüft und dann zu einem Bildfluss zusammengebaut werden. Klar wußte ich, dass im Schnitt erst die Sendung entsteht, im Zusammensetzen der Bilder und Töne.
Fazit: Diese Sendung war nicht umsonst, aber sie lehrt uns, dass wir mit dem schwierigen Thema Drogen vor allem eines tun sollten: nüchtern bleiben und das Vordergründige von Gesprächen und Aktionen nicht mit der „Realität“ verwechseln. Auch bei dem Versuch, etwas einfach darzustellen, gilt es, die Zusammenhänge herstellen. Beispiel: Welche Rolle spielen eigentlich Drogenpolitik und Schwarzmarkt bei den gezeigten Phänomenen?
Und: Wir brauchen mehr Drogen-Sendungen: vor allem für Journalisten, die lernen wollen, wie man Drogen-Sendungen macht. 19% Quote reicht auch.

Literatur

[1] Gasser P, Holstein D, Michel Y et al (2014) Safety and efficacy of lysergic acid diethylamide-assisted psychotherapy for anxiety associated with life-threatening diseases. J Nerv Ment Dis 202:513–20. doi: 10.1097/NMD.000000000000011

[2] Böckem J, Jungaberle H (2015) High sein. Ein Aufklärungsbuch. Rogner & Bernhard, Berlin

[3] Krebs TS, Johansen P-Ø (2013) Psychedelics and mental health: a population study. PLoS One 8:e63972. doi: 10.1371/journal.pone.0063972

[4] Psychedelic Care Publications (2015) The Manual of Psychedelic Support. A practical Guide to Etablishing and Facilitating Care Services at Music Festivals and Other Events.

[5] van Amsterdam J, Nutt D, Phillips L, van den Brink W (2015) European rating of drug harms. J Psychopharmacol 1–6. doi: 10.1177/0269881115581980

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Jenke von Wilmsdorff nimmt LSD und probiert „High sein ohne Drogen“ aus (RTL-Blogpost Folge 1/3)

Ich nähr‘ mich nur von dem, was glüht und brennt
und leb‘ von dem, von dem die andern sterben.

Michelangelo (1475 – 1564), italienischer Bildhauer, Maler, Baumeister und Dichter

Darf ein Journalist Tabus brechen oder gar Gesetze übertreten, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und aufzuklären? Kommt drauf an. Auf die Dosis an kritischem Potential vor allem.

Am Montag, den 05.09.2016 um 21.15 strahlt RTL eine neue Folge der Fernsehserie „Das Jenke-Experiment“ aus. Nachdem der Journalist Jenke von Wilmsdorff bereits durch seine Alkohol– und Cannabis-Experimente neues Terrain in punkto explizite Darstellung von Rausch und Drogen betreten hatte, geht es diesmal um „Drogen“. Also: um einen Ausschnitt aus dem Spektrum der anderen Drogen, denn Alkohol muss genauso als solche gelten wie Cannabis.

Der selbstformulierte Anspruch lautet, gesellschaftlichen Reizthemen auf den Grund zu gehen und dabei eine ungewöhnliche journalistische Perspektive einzunehmen. Dr. Henrik Jungaberle hat ihn zusammen mit Prof. Volker Auwärter bei einem LSD-Experiment begleitet. Und gemeinsam mit Dr. Andrea Zeuch und einer Gruppe Freiwilliger in eine außergewöhnliche „Rauscherfahrung“ geführt – und zwar mit der bloßen Kraft des Atems unter dem Motto „High sein ohne Drogen„.

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Jenke von Wilmsdorff ist ein Fernsehjournalist, Autor und Schauspieler, der unter anderem über die von Brigit Schrowange moderierte TV-Sendung „Extra– Das RTL-Magazin“ bekannt wurde. Von Wilmsdorffs Haltung zum Thema Angst und Grenzerfahrungen veröffentlichte er 2014 in seinem Buch Wer wagt, gewinnt: Leben als Experiment. Jenke – wie er Millionen Zuschauern mit Vornamen bekannt wurde – geht in der „Drogen“-Sendung auf’s Ganze: MDMA/eigentlich MDAI, Ko-Tropfen, LSD, Ritalin. Und das alles in einer Sendung. Geht das also, darf er das? Er darf, wenn als Ergebnis der Infotainment-Sendung eine kritische Distanz zu den Themen und Akteuren und eine gesellschaftspolitische Perspektive erkennbar wird. Gelingt es durch Jenke von Wilmsdorffs Sendung die Diskussion über „Drogen“ auf irgendeine Weise zu vertiefen, zu versachlichen, in sinnreicher Weise auf die Tagesordnung zu heben? Oder verbrennt sich die Sendung etwa in sensationalistischer „Grenzüberschreitung“? Die allerdings ist kein Wert an sich. Die Frage an das Format lautet demnach: stimmt die Dosis an kritischer Auseinandersetzung und Bewertung in einem RTL-Sendungsumfeld, in dem es vielen Zuschauern vielleicht mehr um das das heiße Gefühl im Bauch, den Nervenkitzel und Unterhaltung geht? In den Alkohol- und Cannabis-Sendungen ist das weitestgehend gelungen.

Henrik Jungaberle: „RTL hat mich über „High sein. Ein Aufklärungsbuch„, das ich 2015 mit Jörg Böckem zusammen geschrieben habe, angesprochen. Das Buch versucht einen radikalen Bruch mit der Ängstlichkeit und Verdruckstheit, die in der Präventionsszene und den Medien gegenüber Drogen vorherrscht. Gerade in TV, Radio und Prinzmedien wird aus strategischen Gründen – vorgeblich um Jüngere und Schwächere zu schützen – manchmal auch gelogen; die Schäden von Drogen werden ihrem Nutzen nicht gegenübergestellt; die Schäden werden nicht in Relation zu den Schäden anderer Risikoverhaltensweisen gestellt (Risikosportarten, Infektionskrankheiten, Sexualpraktiken, Medikamentengebrauch usw.).
Ich kenne zu diesem Zeitpunkt die ganze „Drogen“-Sendung noch nicht und habe deshalb noch keine Ahnung, ob der ganze Zusammenhang der Experimente funktioniert. Aber ich bin sehr optimistisch: es sollte möglich sein, eine Geschichte über diese Substanzen zu erzählen, die nicht nur von neurowissenschaftlichen Einblicken ins Gehirn oder Drogentoten lebt, also mit Wissenschaft oder Schrecken argumentiert, sondern mit der subjektiven Erfahrung eines Reporters. Jenke von Wilmsdorff ist hier bisher das meiste hervorragend gelungen.
Skeptisch war ich allerdings von Anfang an, ob man so unterschiedliche Experimente und Drogen wie hier geplant zusammenpacken kann – ohne dass die Differenzierung untergeht (denn was haben KO-Tropfen mit einer quasi-therapeutischen Selbsterfahrung mit LSD gemeinsam? Klar: es sind psychoaktive Substanzen, die in irgendeiner – allerdings sehr verschiedener – Art und Weise Wahrnehmung, Erleben und Verhalten verändern). Es gibt durch die Vielzahl an Experimenten eine gewisse Gefahr, dass am Ende doch wieder die „bösen Drogen“ im Mittelpunkt stehen und nicht unser kultureller Umgang mit einem emotional und irrational aufgeladenen Thema, das Risiken und Chancen zugleich bietet?
Jenkes Haltung während der LSD- und Atem-Experimente habe ich allerdings als authentisch, frisch und interessiert, als selbst- und gesellschaftskritisch erlebt – und natürlich auch auf den Effekt abzielend. Das ist nicht zwingend ein Widerspruch. Er lässt sich auf Dinge ein, erfährt gerne und denkt mit seinen Gesprächspartnern darüber nach, wie alles einzuordnen ist und besser laufen könnten. Ich bin sehr gespannt, was Jenkes „Drogen“-Sendung am Ende kann und anstößt. Klar bringt das Thema wohl Quote, aber bringt es auch den verändernden Aha-Moment bei dem ein oder anderen?

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Volker Auwärter begleiten Jenke von Wilmsdorffs LSD-Experiment (RTL)

In Folge 2 dieses Blogposts berichte ich über das eigentliche LSD-Experiment und was dabei wirklich geschehen ist. In der Sendung werden etwa 10 h Erfahrung auf 9 min Sendezeit geschnitten. Wie kam es zu den beiden seltsamen Szenen am Ende, bei denen Jenke mich als Begleiter einmal mit seinem Sohn „verwechselte“ und das andere mal paranoid vor mir und dem Toxikologen Volker Auwärter davon rannte? Ist das als pathologisch zu bewerten und ist es eine typische Gefahr von LSD-Erfahrungen?

Henrik Jungaberle und Andrea Zeuch begleiten Jenke von Wilmsdorffs Atem-Experiment (RTL)

Henrik Jungaberle und Andrea Zeuch begleiten Jenke von Wilmsdorffs Atem-Experiment (RTL)

In Folge 3 erzählen Andrea Zeuch und ich, was beim Atem-Experiment geschah, wie das wilde Geschehen überhaupt zu erklären ist und wozu man so etwas machen sollte (oder nicht). Das Atem-Experiment ist als Teil eines etwa acht Stunden dauernden Workshops zu bewerten, den wir mit Jenke und drei weiteren Menschen durchgeführt haben. Das waren wiederum verkürzte Teile unseres „Integrations-Workshops“, bei dem es um die sinnvolle und ernsthafte „Integration“ psychedelischer Erfahrungen in den Lebensalltag geht; um Achtsamkeit; um Problemlösung; um ästhetische Wahrnehmung und alltagstaugliche Lebenskunst. Das im RTL-Beitrag hervorgehobene Atem-Experiment ist im Rahmen des Workshops vor allem als eine kleine Auffrischung für das Gehirn zu verstehen: damit man sich an die nicht-rationalen Anteile der eigenen Persönlichkeit erinnert und diese Funktionsweise des eigenen Selbst für einen ganzheitlicheren Zugriff auf die eigenen Ressourcen nutzen kann.“

 

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