Das Ungewisse überwunden – Das zweite Mal Drogen nehmen entscheidet die Richtung

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

Wie gehen wir mit Drogenkonsum um?

Jetzt wird es ernst: Es geht darum herauszufinden, welche Droge, welches High zu einem passt – schließlich möchten wohl die wenigsten ihre Persönlichkeit so verändern, dass sie zur Droge passt. Das zweite High steht für Sehnsucht nach Wiederholung, für Ankommen, Genießen, vielleicht auch für eine Bestätigung des Selbstbilds und Wiedersehensfreude, aber es kann auch für Unbelehrbarkeit, Dummheit, Manipulierbarkeit und Gedankenlosigkeit stehen. Beim zweiten Mal werden die ersten Weichen für den weiteren Drogengebrauch gestellt, es ist oft der Beginn einer Kette von zahlreichen Wiederholungen und bestimmt, wie diese weiteren Male aussehen werden. Beim zweiten Mal entscheidet sich, ob das Drogennehmen zur gewohnheitsmäßigen, gedankenlosen Routine wird oder ob jedem weiteren Mal eine bewusste Entscheidung vorausgeht, die das High zu etwas Besonderem macht.

Gewohnheiten sind so eine Sache. Oft begleiten sie uns über lange Strecken unseres Lebens, im Guten wie im Schlechten. Sie können hilfreich sein und unser Leben erleichtern, sie können uns Halt geben und Teil unserer Identität sein. Aber sie können auch Ausdruck unserer Faulheit, Angst oder Beschränktheit sein und uns daran hindern, weiterzugehen, zu lernen und neue Erfahrungen zu machen. Häufig sind Gewohnheiten, die eine Zeitlang gut und hilfreich waren, irgendwann überholt und passen nicht mehr in eine neue Lebenssituation.

Gerade im Umgang mit Highs ist es wichtig, seine Gewohnheiten zu kennen und immer wieder zu überprüfen. Das zweite Mal kann die Basis dafür legen, denn beim zweiten Mal kann man all die Entscheidungen bewusst treffen, die beim ersten Mal noch eher theoretisch oder impulsiv waren.

Das zweite Mal eignet sich für die ersten Experimente und weiterführende Entscheidungen. Man kann dieselbe Droge noch einmal nehmen und überprüfen, ob sie wieder ähnlich wirkt. Oder ob sich die Wirkung verändert, wenn man die Dosis oder auch die Situation verändert, an einem anderen Ort mit anderen Freunden oder vielleicht alleine konsumiert. Das zweite Mal kann auch der Moment sein, sich gegen die Droge und gegen dieses zweite Mal zu entscheiden.

Das ist die bewusste Seite des zweiten Mal. Aber wir alle treffen unsere Entscheidungen nicht immer nur frei oder bewusst. Es gibt einen Schatten, der auf jedem von uns, auf all unseren Entscheidungen liegt – unsere Biologie, das bedeutet: unsere Gene und eben unsere unbewussten Gewohnheiten.

Routinen, Rituale und Rhythmus

Gewohnheiten haben viel mit Zeit zu tun. Es braucht Zeit, bis sie sich herausbilden, es braucht Zeit, sie zu verändern. Aber es braucht vor allem auch Zeit, bis einem die Wirkung von Alkohol, Tabak oder Cannabis vertraut ist. Bis man in der Lage ist, sich durch Drogengebrauch und Rausch zu navigieren, weil man weiß, wie man selbst unter dem Einfluss der Substanz funktioniert. Diese Zeit sollte man sich geben und es nicht überstürzen mit dem dritten, vierten oder fünften Mal. Die Sache mit der Zeit hat natürlich auch ihre Tücken – bei Tabak beispielsweise geschieht es häufig, dass man die Chance, seine Entscheidung zu korrigieren, verstreichen lässt. Weil in dem Moment, in dem man mit der Substanz vertraut ist, der Zug Richtung Nikotinsucht schon abgefahren ist. Aber grundsätzlich gilt: Experimentieren, ohne die Kontrolle zu verlieren und süchtig zu werden, ist durchaus möglich, wenn man überlegt an die Sache herangeht. Dabei ist es wichtig, sich selbst zu kennen und zu beobachten: Wie reagiere ich auf Alkohol oder Cannabis? Macht mir der Cannabis-Rausch Spaß, oder ängstigt er mich? Wie unangenehm ist mir das Kratzen im Hals?

Das alles führt zu der wichtigen Frage, wie wir grundsätzlich mit angenehmen Zuständen oder Tätigkeiten, die uns Spaß machen, umgehen. Die einen zelebrieren solche intensiven, aufregenden Erlebnisse als etwas Besonderes, Außergewöhnliches, das nicht alltäglich ist und es auch nicht sein soll, andere wollen es ständig wiederholen und so häufig wie möglich erleben. Das zweite High ist deshalb auch eine Übung in Selbstwahrnehmung: Wie funktioniert Gier, Verlangen oder Lust und Genuss bei mir? Und, auch das ist wichtig, wie ist das bei meinen Freunden oder in der Familie? Wir können auch durch Beobachten lernen: Muss man beispielsweise überhaupt Alkohol ausprobieren, wenn der große Bruder ständig besoffen und deshalb von der Schule geflogen ist? Oder reizt uns gerade das?

Das zweite Mal, der Moment, bevor die Routine einsetzt, ist der erste Wendepunkt, an dem wir entscheiden, wie es mit uns und den Drogen weitergeht. Ob sie unser Leben bereichern oder belasten. Ob wir den Rausch genießen, oder ob es geistlose, genussarme Wiederholung wird. Auch hier gilt: Abwechslung vermindert die Langeweile. Aber auch Rituale, also bewusst gewählte Abläufe und Strukturen, sind besser als stumpfe Gewohnheiten.

Bei den Highs bedeutet dieses Wiederholen einen Verlust an Spannung, neuen Impulsen und Neugier. Das Ergebnis ist dann: Langeweile, sinnentleerte Zeitverschwendung und ein gesteigertes Risiko, das eigene Gehirn auf Sucht zu trainieren. Immer wieder auf eine bestimmte Art oder in einer bestimmten Gruppe zu trinken oder zu kiffen, die einen langfristig doch eher fertigmacht, lähmt und nimmt einem Entwicklungschancen – warum sollte man das tun?

Wir denken, dass es wichtig ist, von Zeit zu Zeit Rauscherfahrungen zu machen. Dass muss nicht unbedingt mit Hilfe von Drogen geschehen, es gibt auch andere Wege, einen Rausch zu erleben – Sport, Sex, durchtanzte Nächte, sich verlieben, Musik machen, malen, in Computerspielwelten eintauchen, shoppen und vieles mehr. Sogar bei der Arbeit kann man in Rauschzustände geraten, beim Schreiben einer Hausarbeit etwa. Aber Drogen sind eben auch eine Möglichkeit dafür, eine effektive sogar. Wichtig ist, sich einen Spielraum für freie, unabhängige Entscheidungen zu bewahren.

Hier einige Hinweise, wie es gelingen kann, funktionierende Routinen zu entwickeln, die nicht einengen und Raum für neue Impulse lassen – die eigene Frequenz kann natürlich etwas höher oder auch etwas niedriger sein.

Tipps für den Umgang mit Rausch und Routine

  1. Beschränke Kiffen und Trinken auf einen klar definierten Zeitraum, zum Beispiel das Wochenende, niemals während der Schule oder der Arbeit. Wer selten konsumiert, gewinnt, wer häufig konsumiert, verliert.
  2. Trink ruhig alle paar Monate ein wenig über den Durst, um zu spüren, wo deine Grenzen liegen – das ist natürlich keine Aufforderung, dich abzuschießen!
  3. Verbringe einmal im Jahr einige Tage voller Ekstase und berauschter Lebendigkeit, zum Beispiel auf einem Festival – das geht auch ohne Drogen! –, und genieße danach wieder voller neuer Energie deinen Alltagsrhythmus.
  4. Verbringe einige Tage oder Wochen im Jahr in bewusster Nüchternheit und verzichte auf alle Stoffe, die deine Stimmung und dein Bewusstsein verändern. Nur so kannst du lernen, welche Bedeutung sie für dich haben.
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