Ein Sprung ins Ungewisse – Das erste Mal Drogen nehmen

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

In Sachen Drogen ist das erste Mal selten tatsächlich das erste Mal. Für viele gibt es Begegnungen mit Alkohol – seltener auch mit anderen Substanzen – vor dem ersten bewussten High. Sie haben als Kinder an Bier- oder Weingläsern genippt oder durften an Silvester einen Schluck Sekt trinken. Andere klauen Zigaretten aus der Tasche ihrer Eltern und husten ihre ersten Rauchwolken beim heimlichen Paffen mit Freunden über den Spielplatz.

Die meisten frühen, allerersten Substanz-Erlebnisse sind selten wirkliche Highs, sie werden noch nicht sonderlich intensiv und nicht wirklich als berauschend erlebt. Sie sind Annäherungen, erste Grenzüberschreitungen, geboren aus Spieltrieb, Neugier oder der Lust, Verbote zu missachten. Viele junge Frauen und Männer haben ihr tatsächliches erstes Mal als nicht sonderlich berauschend erlebt.

Interessanterweise üben Drogen besonders auf junge Menschen einen starken Reiz aus, also gerade auf diejenigen, die psychoaktive Substanzen und deren Wirkung am schwersten verarbeiten können. Beim ersten Mal spielen diese langfristigen Risiken natürlich noch keine Rolle. Sollen sie auch nicht. Das erste Mal soll spannend sein, es soll Spaß machen; es soll eine positive, bereichernde Erfahrung sein. Niemand möchte, dass das erste Mal peinlich oder eklig wird – genau wie beim Sex. Überhaupt geht es bei Rauscherfahrungen wie auch beim Sex darum, Lust und Kontrollverlust in der Balance zu halten: Man will sich fallen lassen, aber nicht hart auf dem Boden aufschlagen und sich verletzen.

Beim ersten High spielen die anderen oft eine große Rolle. Auch das ist ähnlich wie beim Sex. Man fragt sich: Bin ich normal? Hier sind Selbstbewusstsein und Gelassenheit gefragt. Bei Highs gilt: Jeder muss seine Geschwindigkeit, sein Maß finden und sollte dabei auf seine innere Stimme hören. Niemand sollte Drogen nehmen, um cool zu wirken oder dazuzugehören, wenn er oder sie sich dafür nicht bereit fühlt oder Angst davor hat. Oder einfach schlicht kein Verlangen danach.

Es ist nicht notwendigerweise sinnvoll, sich in Sachen erster Rausch am Durchschnitt zu orientieren, aber es hilft, die eigene Position einzuordnen. Das derzeitige Durchschnittsalter für das erste Glas Alkohol liegt in Deutschland bei 14 Jahren, Jungs sind da etwas früher dran als Mädchen. Das Alter ist leicht gestiegen in den letzten Jahren. Den ersten wirklichen Rausch aber erleben die meisten erst etwa ein Jahr später. Viele nehmen sich also nach dem ersten Alkoholkonsum rund ein Jahr Zeit, um sich an das High heranzutasten.

Dieses langsame Herantasten, nicht nur bei Alkohol, sondern bei Drogen und Rausch allgemein, ist ein gutes Konzept. Für viele funktioniert das, aber auch hier gibt es Ausreißer nach oben und unten. Einige Menschen können eher gut, andere eher schlecht mit Highs umgehen. Sie wollen schnell mehr und konsumieren immer häufiger oder nehmen zusätzlich andere Drogen. Für diese Menschen ist es besonders wichtig, das eigene Maß und die eigene Geschwindigkeit kennenzulernen und sich Zeit zu lassen. Oder auch ganz clean zu bleiben: Niemand braucht Highs um jeden Preis, sie ergeben nur Sinn, wenn sie uns nicht schaden und stattdessen unser Leben bereichern. Das passiert aber nicht automatisch und auch nicht für jeden. Wer ein Unbehagen oder Unsicherheit gegenüber Drogen und Rausch spürt, sollte das ernst nehmen und vorsichtig sein. Und wer sich extrem davon angezogen fühlt, erst recht. Es ist überhaupt kein Problem, straight zu bleiben, also gar keine bewusstseinsverändernden Substanzen an sein Gehirn zu lassen.

Viele erleben ihr erstes Mal mit Alkohol also bevor sie volljährig sind, nicht wenige sogar vor dem 16. Lebensjahr, bevor sie das Alter erreichen, an dem das Gesetz den Alkoholkonsum gestattet. Bei Alkohol sind diese Zahlen deutlich höher als bei Cannabis: 69 Prozent der Jugendlichen trinken Alkohol, bevor sie sechzehn sind, nur 7,4 Prozent machen in diesem Alter erste Erfahrungen mit Cannabis. Dabei handelt es sich nicht um Komatrinker oder Kampfkiffer, sondern um Probierkonsumenten, also Jugendliche, die erste, einmalige oder seltene Erfahrungen mit Alkohol oder Cannabis gemacht haben. Von den 18- bis 25-Jährigen haben 96 Prozent schon einmal Alkohol probiert, 78 Prozent haben auch im letzten Monat getrunken; 35 Prozent der jungen Erwachsenen haben schon Cannabis probiert, aber nur 5,3 Prozent haben im letzten Monat gekifft.

Was, wann und mit wem?

Solche Zahlen sind ein Mittelwert, der eine grobe Orientierung ermöglicht, an jeder Schule und in jeder Clique kann sich der Konsum natürlich davon unterscheiden, mal mehr, mal weniger stark. Es gibt Schulklassen, in denen drei Viertel der Schüler Erfahrungen mit Cannabis haben, und andere, in denen fast allen Schülern Gras gar nicht in die Tüte kommt.

Wichtig ist in jedem Fall, sich bei Cannabis, Alkohol und Co. nicht von anderen beeinflussen zu lassen. Druck von außen ist ein denkbar schlechter Grund dafür, mit Drogen zu experimentieren. Jeder darf, kann und sollte eine unabhängige und eigenständige Entscheidung für oder eben auch gegen den Drogengebrauch treffen, ohne darüber nachdenken zu müssen, was die anderen tun oder erwarten und ob sie einem möglicherweise eine Erfahrung voraushaben.

Das erste High kann durchaus furchteinflößend sein. Das gilt in besonderem Maße für Cannabis oder Halluzinogene wie Magic Mushrooms oder LSD. Der Cannabis-Rausch ist beim ersten Mal nicht so einfach zu dosieren, da man oft nicht weiß, wie stark der THC-Gehalt des Cannabis ist. Deshalb ist es immer eine gute Idee, mit einer geringen Dosis zu beginnen und sich langsam an den Rausch heranzutasten.

Alkohol eignet sich für die meisten Menschen für erste Erfahrungen und ein langsames Herantasten an den Rausch, weil er relativ einfach zu dosieren ist. Für Halluzinogene gelten eigene Regeln – ihre Wirkung ist sehr speziell und nicht für jeden angenehm: Sie können unser Denken und Fühlen sehr durcheinanderbringen und uns den sicher geglaubten Boden unter den Füßen wegziehen. Manch einer empfindet das als Überforderung oder Bedrohung. Wer die psychedelische Erfahrung sucht, sollte sie in jedem Fall gut und gewissenhaft vorbereiten.

Tabak ist eine merkwürdige Droge, denn sie erzeugt für die überwiegende Zahl aller User kein wirkliches High. Wer genau hinspürt, kann das Tabak-High trotzdem wahrnehmen: Nikotin ist ein Stimulans und wirkt wie ein Mini-Amphetamin, es macht wacher und verleiht subjektiv mehr Energie. Viele Raucher erleben aber auch für Sekunden oder Minuten Entspannung und Beruhigung. Auch das Tabakrauchen ist in seiner Wirkung nicht zu unterschätzen: Das Spiel funktioniert hier anders: Da Nikotin sehr schnell Suchtprozesse auslöst, werden viele Probierkonsumenten rasch zu Gewohnheitsrauchern.

Eine wichtige Frage bei allen Substanzen ist, woher das Material stammt, mit dem man sein erstes High erlebt. Wer alt genug ist, kauft seinen Alkohol oder seine Zigaretten im Supermarkt, klar. Wer nicht alt genug ist, lässt sie sich häufig besorgen, von Geschwistern, von älteren Freunden.

Die ersten Kontakte mit illegalen Drogen kommen in der Regel über Freunde oder Bekannte zustande. Wer technisch versiert ist und sich auskennt, bestellt sich seine Drogen im Internet. Gerade für ein erstes Mal keine gute Idee: Der Drogenkauf im Internet setzt Geschick und Umsicht voraus. Und, anders als ein Freund, der schon Erfahrung zum Beispiel mit Cannabis hat, bietet das Internet wenig bis keine Unterstützung bei möglichen Problemen oder in Fragen der individuellen Dosierung.

Und wenn das erste Mal dann doch eine kleine Katastrophe wird? Wenn man austickt, umkippt, sich peinlich verhält oder den Rausch als unangenehm erlebt? Dann sollte man sich umso mehr Gedanken machen, wie man das zweite Mal gestalten will, um so eine Erfahrung in Zukunft zu vermeiden. Oder sogar darüber, ob das erste nicht möglicherweise gleichzeitig das letzte Mal sein sollte.

Dos and Don’ts für das erste High

  1. Wähle für dein erstes Mal einen Tag, an dem du guter Stimmung bist, und einen Ort, an dem du dich wohlfühlst.
  2. Triff eine klare, bewusste Entscheidung für dein erstes Mal, lass dich nicht von anderen bequatschen.
  3. Wähle die richtige Begleitung, meide Menschen, die Spaß daran haben, andere lächerlich zu machen, zu bevormunden oder anzustacheln.
  4. Beginne mit einer kleinen Dosis und warte die Effekte erst ab, bevor du nachlegst. Steigere die Dosis schrittweise.
  5. Hör auf, wenn es dir keinen Spaß macht oder sich unangenehm anfühlt.
  6. Versuche, dein High bewusst wahrzunehmen und zu beschreiben – was verändert sich, wo und wie spürst du die Effekte, was ist angenehm, was nicht?
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