Viele Kontroversen in der Prävention finden auf der Ebene von Menschenbildern statt. Das gilt für wissenschaftliche Diskurse und für öffentliche Debatten. Eine zentrale Frage dabei ist immer wieder, wie vernunftfähig Menschen sind.

Die Autoren von “High sein. Ein Aufklärungsbuch” gehen nicht davon aus, dass Menschen rein rational handelnde Wesen sind. Das wäre naiv. Ganz im Gegenteil sehen wir vielerlei irrationale, transrationale, suggestive und normative Prozesse, die junge und ältere Menschen dazu bringen, schlechte Entscheidungen zu treffen. Menschen sind natürlich äußerst beeinflussbar und gerade die Adoleszenz ist eine Phase, in der Autonomiestreben auf der einen mit starker Orientierung an der Peer-Gruppe auf der anderen Seite “kämpft”.
Genau dieser innere und soziale Konflikt ist der Ausgangspunkt von “High sein”. Wer Menschen Vernunftfähigkeit und die selbstbestimmte Aushandlung von Problemlösungen für ihre sozialen Konflikte abspricht, verlässt die Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft.
Die Autoren stehen für ein soziale Norm ein, in der ein verantwortungsvoller, ein “integrativer” Gebrauch psychoaktiver Substanzen akzeptiert ist – und klar unterschieden wird von kindlichen, destruktiven, suizidalen oder auf andere Weise krankhaften Formen des Substanzkonsums. Gibt es diese Norm bereits? Nur in Teilen der Gesellschaft. Ihre Entwicklung wird durch einen irrational überbordenden “Suchtdiskurs” behindert, der sich Mäßigung in Form von Risikovergleichen verweigert. Eine vergleichende Abwägung von Risiken ist jedoch die Grundlage eines wissenschaftlichen Nachdenkens über Prävention.

Rationalität ist etwas, das erarbeitet und manchmal erkämpft werden muss. Menschen sind mit einer Reihe von Befähigungen begabt, die über rationales Kalkül hinausgehen (vgl. Human Capabilities Theorie). Auf Seiten des Individuums ist das Streben nach Verstehen und Vernunft ein lebenslanger Prozess der Auseinandersetzung mit der Umwelt sowie mit individuellen Impulsen, Bedürfnissen und Grenzen.
Auf sozialer Ebene geht es darum, Normen und Ziele möglichst rational und evidenzbasiert zu begründen und zu kommunizieren. Es geht um Debattenkultur und Regeln der Begründung von Handeln.

Die andere radikale Ansicht, Menschen seien rein kontextgesteuerte,  triebbasierte Wesen führt in letzter Konsequenz zu einer patriarchalen und autoritären Gesellschafts- und direktiven Gesundheitspolitik. Zu einer “Gesundheitsgesellschaft”, in der die Prävention von Risikoverhaltensweisen dazu führt, dass Menschenrechte und Freiheitschancen bagatellisiert werden.

Wir treten für einen Ausgleich zwischen Eigenverantwortung und “klaren Verhältnissen” ein. Und Eigenverantwortung muss erlernt und geübt werden. Sie tritt nicht einfach mit dem 18. oder 21. Lebensjahr ein. Unser Satz “Wir müssen Menschen etwas zutrauen” heißt auch: sie müssen Fehler machen dürfen und daraus lernen. Das gilt für den Straßenverkehr, für Sexualität, Bergsteigen und für politisches Handeln. Für unser Thema gilt das bei der Droge Alkohol und allen anderen auch. Diese Fehlertoleranz aufzubringen widerspricht nicht der Notwendigkeit gesundheitspolitische Rahmenbedingungen für Lernen zu definieren. Wir finden die auf Nichtraucherschutz ausgerichtete deutsche Tabakpolitik der letzten Jahre im Wesentlichen gut und gelungen. Ähnliches ist für Alkohol notwendig und zukünftig für Cannabis. Auch bezüglich der notwendigen Entkriminalisierung von Cannabis ist die Vorstellung, Angebot und Nachfrage würden durch einen “freien”, völlig unregulierten Marktkapitalismus geregelt werden, problematisch.

Nein. Menschen sind keine rationalen Wesen. Sie können lernen, mehr Vernunft, mehr Kalkül, mehr Autonomie zu erlangen. Und das schaffen auch nicht alle – und sie schaffen es am besten, wenn sie von rational handelnden Peers dabei unterstützt werden. Gesundheitliche Selbstbestimmung mit Hinweis auf die Schwachen und Kranken zu negieren, führt in die Sackgasse.
Deshalb kommt es neben individueller “Aufklärung” eben auch auf die erwähnten Normen in den Peer-Groups und der Gesellschaft an.

“High sein” orientiert sich am Modell der gesundheitlichen Selbstregulation (in der Tradition von Albert Bandura). Diese braucht Regeln, sie braucht Verhältnisprävention.

Weiterführendes für wissenschaftlich interessierte Leser

Quensel, S. (2004). Das Elend der Suchtprävention. Analyse, Kritik, Alternative. Wiesbaden: VS Verlag.

Bandura, A. (2005). The Primacy of Self-Regulation in Health Promotion. Applied Psychology: An International Review, 54(2), 245–254.

Nussbaum, M. C. (2011). Creating Capabilities. The Human Development Approach. Cambridge, Massachusetts: The Belknap Press of Harvard University Press.

Bühler, A., & Thrul, J. (2013). Expertise zur Suchtprävention. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage der “Expertise zur Prävention des Substanzmissbrauchs.” Köln.