Zu hoch geflogen und die Flügel verbrannt, auf dem Boden angekommen – Down Sein

Dieser Blogeintrag ist ein Auszug aus dem Buch „High Sein – Ein Aufklärungsbuch“ von Jörg Böckem und Henrik Jungaberle. „High Sein“ ist ein Buch, welches nicht bevormunden, sondern informieren will.

»So geht es mit Tabak und Rum: Erst bist du froh, dann fällst du um.«
Wilhelm Busch (1832 – 1908), deutscher Dichter und Zeichner, Erfinder von Max und Moritz

Down Sein 

Die Begegnung mit Rauschmitteln endet immer wieder in kleinen oder größeren Katastrophen: Die ersten Alkoholerfahrungen sind oft mit Überdosierungen und Exzessen verbunden, mit Kotzen, Übelkeit, Schwindel oder Filmriss, mit peinlichen Selfies oder sexuellen Erfahrungen, die man schnell wieder vergessen möchte. Jeder Kiffer erlebt früher oder später, dass es auch sehr unangenehme Bewusstseinszustände gibt – Verfolgungswahn, Paranoia oder Gedankenschleifen, in denen man sich ungewollt und wie zwanghaft immer wieder mit denselben Gefühlen, Vorstellungen oder Ängsten beschäftigt. Andere mögliche Ausdrucksformen des Downs sind epileptische Anfälle und Delirium oder sogar ein Kreislaufkollaps. Es gibt die kleinen, kurzfristigen, akuten Downs. Sie können während und nach einer Rauscherfahrung auftreten und sind auf den ersten Blick als unangenehme Folgen des Drogenkonsums zu erkennen, wie zum Beispiel der klassische Kater, nachdem man zu viel getrunken hat. Und es gibt die langwierigen, chronischen Downs – häufig in Verbindung mit jenem allmählich einsetzenden Kontrollverlust, der in die Abhängigkeit mündet. Das Tückische ist, dass viele Downs sich oft leise anschleichen und gar nicht als solche erkannt oder einfach verdrängt werden.

 

Die Erfahrung nutzen

Viele Menschen lernen schnell aus Downs, sie sind in der Lage, nach schlechten Erfahrungen ihren Umgang mit Drogen zu verbessern und gesündere Konsummuster zu entwickeln. Die meisten Menschen, die Drogen nehmen, wollen schließlich nicht ihr Leben ruinieren, sondern intensive, bereichernde, aufregende Erfahrungen machen. Oder einfach nur Spaß haben. Aber manchmal lernt man spät, reagiert verzögert oder auch gar nicht. Dann kann oft ein Impuls von außen helfen oder auch die Erfahrung, auf dem Boden aufzuschlagen – nichts geht mehr, alles ist gescheitert. Danach kann man sich wieder aufrappeln, den Staub abklopfen und es beim nächsten Mal besser machen. Eine Lektion, die auch Kampfsportler kennen: Fallen muss nicht das Ende einer Bewegung sein, es kann sogar ein wichtiger und hilfreicher Teil davon sein – wenn wir unseren Fall so abfangen können, dass wir keinen langfristigen Schaden nehmen und es danach schaffen, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Downs können also auch eine wichtige Lektion sein. Wir können durch sie unsere Grenzen erkennen und einen Anreiz erhalten, unsere Strategien und Überzeugungen zu überdenken und zu verbessern. Sie sind wie die erste schlechte Schulnote, der erste Freund oder die erste Freundin, die uns verlässt; ein Unfall oder eine Krankheit, die uns erkennen lassen, dass wir nicht unverletzlich oder unsterblich sind. Downs sind manchmal Teil eines Trips, manchmal tauchen sie nach einem Trip auf. Gelegentlich können sie Tage und Wochen andauern. Grundsätzlich neigen wir Menschen allerdings dazu, schlechte Erfahrungen schnell zu vergessen.

Die Downs, die bei dem Konsum verschiedener Drogen auftreten können, haben einige Gemeinsamkeiten. Neben dem Gefühlswirrwarr und den Stimmungsschwankungen gibt es eine Fülle körperlicher Symptome. Aber der wohl bedeutendste Hinweis darauf, dass etwas gewaltig schiefläuft, ist das Craving. Es wird als »unstillbares Verlangen« definiert, die jeweilige Substanz wieder einzunehmen. Neben den Entzugserscheinungen beim Absetzen einer Droge und der Entwicklung von Toleranz ist es der wichtigste Hinweis auf eine beginnende oder bestehende Abhängigkeit.

Typisch beim Craving ist, dass es die Absichten des Betroffenen untergräbt und sich der Kontrolle des Willens entzieht. Es gelingt nicht, den Drogenkonsum zu reduzieren oder ganz damit aufzuhören, obwohl man spürt, dass alles aus dem Ruder läuft und die Droge unverhältnismäßig viel Schaden anrichtet – Beziehungen, Freundschaften, schulisches oder berufliches Weiterkommen, die Gesundheit ruiniert oder gar das Leben gefährdet. Trotzdem greift man wieder und wieder zur Droge. Ein ziemlich übles Down, das lebensbedrohlich sein kann. Klar, man kann auch das Craving und sogar eine Sucht überwinden: Millionen von ehemaligen Abhängigen haben das bewiesen. Aber es ist ein sehr harter Weg.

Das Down als (Um-)Weg zu Drogenmündigkeit und Selbstkontrolle

Das Down ist, wie gesagt, ein Signal. Wer aus dem Kater am nächsten Morgen oder den Nebenwirkungen des Drogenkonsums lernt, lernt damit auch, den Tiger zu reiten – er kann seine Fähigkeiten, mit Drogen und Rausch umzugehen, verbessern. Lernen heißt, die passende Droge und die richtige Dosis, den persönlichen Rhythmus und funktionierende Regeln zu finden und so die Downs weitmöglichst zu reduzieren, überschaubar und beherrschbar zu gestalten. Und die richtigen Freunde zu finden, die einen dabei unterstützen. Weil das Down ein Signal ist, das helfen kann, klarer im Kopf zu werden und den eigenen Drogengebrauch besser einzuschätzen und zu gestalten, halten wir es für keine gute Idee, die Downs mit Kopfschmerztabletten oder Schlafmitteln zu bekämpfen und wegzumachen. Klar, es kann in bestimmten Situationen auch richtig und wichtig sein, den Kater oder den Hangover mit Medikamenten zu bekämpfen, um in der Schule oder bei der Arbeit zu funktionieren. Aber als dauerhafte Strategie eignet sich das nicht. Wer die negativen Effekte nicht spüren will und alle unangenehmen Begleiterscheinungen ausblenden möchte, baut sich eine breite Straße ins Schattental und im schlimmsten Fall zur Sucht.

Wer sich mit den unangenehmen Seiten des Rausches auseinandersetzt, kann einen positiven Umgang mit den veränderten Bewusstseinszuständen stärken. Wer aber vor dem Down wegläuft, wird vermutlich davon eingeholt.

Nils Biedermann studiert Politik- und Verwaltungswissenschaften und hat im Jahr 2017 ein Praktikum am FINDER Institut für Präventionsforschung geleistet.

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